Leseprobe

Zweites Leben, zweites Gl├╝ck

Zweites Leben, zweits Gl├╝ck (Jugendroman)

Kapitel 1

Niemand hat nur ein Leben, davon bin ich fest ├╝berzeugt. Es gibt Einschnitte, die alles ver├Ąndern. Sie k├Ânnen dich pl├Âtzlich treffen ÔÇô wie ein Blitzschlag. Oder sie schleichen sich lautlos an, um sich unbemerkt immer tiefer bei dir einzunisten. Aber egal, wie es passiert: Danach ist nichts mehr so, wie es vorher einmal war. Der Moment, in dem dir klar wird, dass alles, was du bisher kanntest, ab sofort keine G├╝ltigkeit mehr hat, ist ein Tag null: der Beginn eines v├Âllig neuen Lebens. Das kann gut oder schlecht sein. Der erste Tag null beginnt f├╝r jeden gleich. Er startet mit der Geburt, und auf die hat man logischerweise wenig Einfluss. Aber am 30. Januar letzten Jahres war ich schon 14 und h├Ątte langsam eine Art Mitspracherecht dar├╝ber haben sollen, wie meine Zukunft aussieht. Vielleicht w├Ąre ich an diesem Tag besser mit dem Hintern im Bett geblieben. Keine Ahnung, ob das etwas ge├Ąndert h├Ątte. Zumindest h├Ątte ich meine Eltern nicht belauschen k├Ânnen und vielleicht w├Ąre dann doch alles anders gekommen. Es war nicht so ein Morgen, an dem du mit dem falschen Bein zuerst aufstehst, und deshalb alles schiefl├Ąuft, was schieflaufen kann. Nicht dass mir solche Tage fremd w├Ąren ÔÇô ich kenne sie sogar um einiges besser, als mir lieb ist, das kannst du mir glauben. Aber dieser war schlimmer. Viel schlimmer. Es war n├Ąmlich der Tag, an dem alles kaputt gegangen ist, was mir bis dahin wichtig war. Bis heute w├╝nsche ich mir in jeder verdammten Minute, ich k├Ânnte ihn einfach aus dem Kalender streichen und so tun, als h├Ątte es ihn nie gegeben. Ja, klar. Nat├╝rlich wei├č ich selbst, dass das nicht funktioniert. Und wahrscheinlich h├Ątte in meinem Fall sowieso die ganze Stadt ÔÇô oder sicherheitshalber die komplette Welt ÔÇô lahmgelegt werden m├╝ssen, um mit der Theorie auch nur im Ansatz erfolgreich zu sein. Eigentlich ging das Drama schon viel fr├╝her los, nur ist es uns zu dem Zeitpunkt eben um die Ohren geflogen. Meine Mum meint, dass es ohnehin irgendwann so weit gekommen w├Ąre. Wenn nicht heute, dann morgen. Und dass weder ich noch meine Schwester Nike schuld daran sind, sondern nur mein Vater. Einmal L├╝gner, immer L├╝gner, hat sie gesagt. Aber ist das wirklich so? Steht nicht jeder immer wieder aufs Neue vor der Wahl, welchen Weg er einschl├Ągt?

Ich liege im Bett und fahre mit dem Finger ├╝ber den Aufkleber an meiner Wand. Er ist achteckig, rot mit wei├čem Rand und in der Mitte steht in gro├čen Buchstaben ┬╗Lena┬ź geschrieben ÔÇô das ist mein Name. Der Sticker sieht aus wie ein Stoppschild und geh├Ârt damit eigentlich eher an die Au├čenseite meiner Zimmert├╝r, damit jeder direkt Bescheid wei├č, wie’s hier l├Ąuft.
Seufzend ziehe ich mir die Decke bis zum Hals hoch, drehe mich auf meine linke Seite und starre auf die hellgr├╝n gestrichene Wandfl├Ąche. Gr├╝n ist meine Lieblingsfarbe. Ich erinnere mich, dass ich zu meinem sechsten Geburtstag ein neues Fahrrad bekommen habe. Meine Mum war ein paar Wochen vorher mit mir in einem riesengro├čen Laden, wo ich mich auf gef├╝hlte dreihundert R├Ąder geschwungen habe, bis die richtige Farbe, Form und Gr├Â├če gefunden war. All meine Freundinnen fuhren zu der Zeit in Pink, Rosa oder zur Not auch in Lila durch die Siedlung. Keine Frage, meins musste gr├╝n sein. Gr├╝n ist anders und ich mag anders. Wenn ich daran zur├╝ckdenke, sehe ich heute noch Mums erstaunten Gesichtsausdruck vor mir. Sie hat die gleichen graublauen Augen wie ich. Oder besser gesagt: Ich habe die gleichen graublauen Augen wie sie. So herum passt es wohl besser, schlie├člich war sie zuerst da. Mit leuchtendem Blick hat sie mich angeschaut und gestrahlt wie die Sonne am hei├česten Tag des Jahres. Ich vermisse dieses Lachen! So habe ich sie schon ewig nicht mehr gesehen. ┬╗Mein kleines M├Ądchen┬ź, hat sie gesagt und zufrieden genickt. ┬╗Du hast einen wirklich guten Geschmack!┬ź
Es ist kurz vor halb sieben. Mein Wecker hat noch nicht geklingelt, also kann ich mir beim Anziehen Zeit lassen. Am liebsten w├╝rde ich einfach liegen bleiben und mich nicht von der Stelle bewegen. Nie mehr! Was wartet da drau├čen schon auf mich? Wir wohnen jetzt seit ├╝ber einem Jahr in dieser Bude. Das ist weder an mir noch an meiner hellgr├╝nen Wand spurlos vorbeigegangen. Mittlerweile hat sie dreckige Flecke ÔÇô sieht ein bisschen wie schimmeliger K├Ąse aus. Fr├╝her hatte ich ├Âfter das zweifelhafte Vergn├╝gen, verdorbene Lebensmittel im K├╝hlschrank zu finden. Ich wei├č also ziemlich gut, wie so etwas aussieht. Heute ist dagegen nicht mehr viel zum Verderben da. Damals lie├čen die T├╝ren sich kaum schlie├čen, wenn Mum vom Einkaufen kam ÔÇô jetzt herrscht g├Ąhnende Leere. Wir kaufen halt nur das N├Âtigste. Selbst nach der ganzen Zeit f├╝hlt sich das alles immer noch unwirklich an. Da gehe ich abends mit einem Leben ins Bett, das keine ├ähnlichkeit mehr mit dem vom Morgen hat. Es ist einfach da und ruft: ┬╗Hallo, hier bin ich! Sieh zu, wie du mit mir klarkommst!┬ź Es taucht ebenso ungefragt auf wie ein neuer Pickel beim ersten morgendlichen Blick in den Spiegel. Will jemand wissen, ob ich das m├Âchte? Nat├╝rlich nicht! Ich bin 15! Habe ich denn gar keine Rechte?
Von den Ver├Ąnderungen der letzten Monate ist ├╝brigens nicht nur unser K├╝hlschrank betroffen. Alles in der neuen Wohnung ist mit totaler Leere infiziert. Daran werde ich mich auch in hundert Jahren nicht gew├Âhnen ÔÇô genauso wenig wie an den Inhalt meines Kleiderschranks. In dem Fall liegt das Problem allerdings ganz woanders. Es ist n├Ąmlich keinesfalls so, dass nicht genug drin w├Ąre. Doch leider gehen mir die ├ärmel meiner Shirts nur noch bis zur Mitte des Unterarms und die meisten langen Hosen sind mit viel gutem Willen h├Âchstens noch im Sommer als Dreiviertel-Version zu tragen. Mit dem Nachkaufen ist das so eine Sache, denn daf├╝r braucht man bekanntlich Geld. Geld, das wir nicht mehr haben. Geld, das mein Vater in einem Anflug von Gr├Â├čenwahn verzockt hat. Womit wir wieder bei dem Tag angekommen sind, der mich mein bis dahin sch├Ânes und weitgehend sorgenfreies Leben kosten sollte.

Vor genau 484 Tagen, 10 Stunden und 45 Minuten ging ich die Treppe vom ersten Stock unseres Einfamilienhauses hinunter ins Wohnzimmer, die leere Wasserflasche in der einen und mein blaues Mathebuch in der anderen Hand. Es war schon sp├Ąt und ich hatte die Hausaufgaben immer noch nicht fertig. Den ganzen Nachmittag war ich bei meinem Pflegepferd Polly auf dem Kr├╝gerhof gewesen und hatte dar├╝ber wieder einmal die Zeit vergessen. Eigentlich war Polly nur ein Teilzeit-Pflegepferd, das ich mir mit Mia und Katja teilte. F├╝r einen Tag in der Woche hatte ich die kleine braune Stute aber ganz f├╝r mich allein. Wenn das Wetter mitspielte, machte ich einen Ausritt in den Hapelrather Wald, der ungef├Ąhr zweihundert Meter hinter dem Stall beginnt. Jedes Mal, wenn Pollys Hufe den erdigen Boden betraten und die friedliche Stille des Waldes sich um uns legte, l├Âsten sich alle schlechten Gedanken in Luft auf. Im Sommer, wenn die Sonne vom Himmel brannte, war es im Schutz der B├Ąume angenehm k├╝hl, im Winter machten sie die K├Ąlte ertr├Ąglicher. Doch auch die sch├Ânste Zeit endet irgendwann und sp├Ątestens zu Hause holte die Wirklichkeit mich ein: Ein Blick zu meinem Schreibtisch und den darauf liegenden Heften gen├╝gte. So war es auch an diesem Tag. Eigentlich ein Mittwoch wie jeder andere ÔÇô dachte ich bis dahin.
Ich gab mir mit den Matheaufgaben alle M├╝he, trotzdem hakte es an einer Stelle und ich wollte Dad um Hilfe bitten. Auf dem Weg nach unten h├Ârte ich, wie meine Eltern sich in der K├╝che unterhielten. Es war nicht mehr als ein Fl├╝stern durch die geschlossene T├╝r, doch Mum klang trotz des bem├╝ht leisen Tons aufgebracht. Ich blieb stehen und versuchte, etwas von den Wortfetzen aufzuschnappen, war aber zu weit weg. Vorsichtig setzte ich einen Fu├č nach dem anderen auf die Holzstufen, die leider die dumme Angewohnheit hatten, an einigen Stellen f├╝rchterlich zu knarren. Wenn man unbemerkt hinunterkommen wollte, musste man die F├╝├če an ganz bestimmten Punkten aufsetzen. Gut, dass ich den Weg in den letzten Jahren fast zur Perfektion gebracht hatte. Bis heute bin ich mir nicht ganz sicher, warum ich die T├╝r nicht einfach aufgemacht habe und reingegangen bin. Stattdessen schlich ich wie eine Diebin in unserem eigenen Haus herum. Es muss tats├Ąchlich so etwas wie einen sechsten Sinn geben. Denn in dem Augenblick, als ich auf der Treppe stand, ahnte ich schon, dass irgendetwas nicht stimmte.
Nachdem ich nah genug herangekommen war, h├Ârte ich Mum hinter der Glast├╝r. Ihre Stimmlage brachte meine Nackenhaare in einer Millisekunde dazu, sich kerzengerade aufzustellen. Mein Anblick in diesem Moment kam dem einer Katze, der man aus Versehen auf den Schwanz getreten ist, wohl am n├Ąchsten.
┬╗Wie konntest du uns das nur antun, Thomas?┬ź, zischte Mum. ┬╗Kannst du mir bitte sagen, wie es jetzt weitergehen soll? Fangen wir wieder bei null an? Auf dem gleichen Stand wie vor 20 Jahren?┬ź
Ich h├Ârte sie tief durchatmen, bevor ihre Lautst├Ąrke sich hochschraubte und sie ihn anschrie: ┬╗Verdammt, jetzt mach endlich den Mund auf und sag mir, wie schlimm es wirklich ist!┬ź
Dad r├Ąusperte sich. ┬╗Ich f├╝rchte, wir werden das Haus nicht halten k├Ânnen┬ź, stie├č er schlie├člich hervor.
Dem Ger├Ąusch nach zu urteilen, lie├č Mum sich daraufhin st├Âhnend auf einen K├╝chenstuhl fallen.
┬╗Das kann nicht dein Ernst sein! Hast du bei deiner ganzen Zockerei zwischendurch auch mal an die Kinder gedacht? Hast du dir auch nur f├╝r eine Sekunde vorgestellt, was passiert, wenn es nicht so l├Ąuft, wie du es geplant hast?┬ź
┬╗Sandra, was h├Ątte ich denn machen sollen?┬ź, antwortete Dad in nicht weniger gereiztem Ton.
┬╗Und was hei├čt ├╝berhaupt Zockerei? Du tust so, als h├Ątte ich das alles nur f├╝r mich gemacht, weil ich den Hals nicht vollkriegen kann. Nachdem mein Job weg war, h├Ątten wir den Hauskredit nicht mehr lange bedienen k├Ânnen. So hatten wir wenigstens die kleine Chance, es mit dem B├Ârsengewinn zu behalten.┬ź
┬╗Gewinn! Ich verstehe immer Gewinn! Alles verloren hast du! Und was du h├Ąttest tun sollen? Vielleicht mit mir reden. Wie w├Ąr’s damit gewesen? Auch, wenn in den letzten Jahren nicht immer alles ganz rund zwischen uns gelaufen ist, habe ich gedacht, dass wir so wichtige Dinge besprechen w├╝rden. Und zwar bevor du unser ganzes Geld zum Fenster rausschmei├čt. Das betrifft nicht nur dich, Thomas, sondern uns alle! Herrgott, wie soll ich dir jemals wieder vertrauen?┬ź
Daraufhin sagte Dad gar nichts mehr. Mum auch nicht. Die Stille war unertr├Ąglich, sie tat mir beinahe k├Ârperlich weh. ├ťbelkeit breitete sich in meinem Magen aus und fra├č sich St├╝ck f├╝r St├╝ck durch mich hindurch. Mein Puls raste und trotz der k├╝hlen Luft schwitzte ich f├╝rchterlich. In meinem Kopf herrschte ein v├Âlliges Durcheinander, kein klarer Gedanke drang mehr zu mir durch. Das Mathebuch rutschte mir im Zeitlupentempo aus der Hand und landete mit einem lauten Knall auf dem Fu├čboden. Fassungslos starrte ich es an, wie es dort hilflos und allein im Flur lag ÔÇô genau so, wie ich mich in dem Augenblick f├╝hlte. Sollte ich mich beim Lauschen erwischen lassen oder lieber schnell den R├╝ckzug in mein Zimmer antreten? Die Entscheidung wurde mir abgenommen. Die K├╝chent├╝r flog auf und meine Eltern standen vor mir, offensichtlich schwer ersch├╝ttert dar├╝ber, dass ich nun ├╝ber alles Bescheid wusste. Als dann noch weitere unsch├Âne Dinge herauskamen, die unter anderem etwas mit Dad und einer anderen Frau zu tun hatten, war endg├╝ltig alles vorbei. Mum flippte total aus, so hatte ich sie wirklich noch nie erlebt. Danach ging alles recht schnell. Wild entschlossen packte sie mich, meine Schwester und ein paar Klamotten ins Auto und fuhr mit quietschenden Reifen los ins M├╝nsterland zu Oma Ruth ÔÇô die Mum meiner Mum. Ich drehte mich um und schaute durch die Heckscheibe. Unser sch├Ânes Haus und die bunten Hortensien im Vorgarten wurden immer kleiner, bis wir schlie├člich um die Ecke bogen und sie ganz verschwanden. Pl├Âtzlich war ich mir sicher, dass ich sie in dieser Bl├╝tenpracht niemals wiedersehen w├╝rde.
Meine Oma wohnt in einer kleinen Gartenwohnung auf dem platten Land. Eine sch├Âne Wohnung f├╝r Oma allein, aber mit vier Personen platzte sie leider schon bei unserer Ankunft aus allen N├Ąhten. Abgesehen davon, dass wir Gro├čmutters gut gemeinten Lebensweisheiten so zusammengepfercht gar nicht mehr entkommen konnten. Spr├╝che wie: ┬╗Es sind die Augenblicke, die z├Ąhlen, nicht die Dinge!┬ź, ┬╗Auch aus Steinen, die einem in den Weg gelegt werden, kann man etwas Sch├Ânes bauen!┬ź oder ┬╗Ein Weg entsteht, wenn man ihn geht!┬ź. Und was wei├č ich noch alles. Mehr davon konnte ich mir beim besten Willen nicht merken. Das war auch nicht weiter schlimm, denn ich habe ja nicht mal genau verstanden, was sie uns damit sagen wollte. Zu allem ├ťberfluss mussten wir dort alle gemeinsam mit Matratzen auf dem Boden schlafen ÔÇô au├čer Oma, sie hatte nat├╝rlich ihr Bett. So konnte keine Dauerl├Âsung aussehen, wir brauchten schnellstens eine neue Bleibe. Als wir an dem Abend in Omas Hofeinfahrt eingebogen waren, roch es nach Pferdemist. Das erinnerte mich einerseits vertraut an den Kr├╝gerhof und meine sch├Âne heile Welt. Andererseits warf der Geruch auch die weniger angenehme Frage auf, inwieweit mein Leben sich nun wohl ver├Ąndern w├╝rde. Kein Geld mehr zu haben h├Ârte sich erst mal nicht wirklich gut an, so viel war klar. Was genau das aber bedeutete, h├Ątte ich mir in meinen schlimmsten Alptr├Ąumen nicht schw├Ąrzer ausmalen k├Ânnen. Es war, als h├Ątte ich die T├╝r zu einer riesigen Halle ge├Âffnet, und darin war nichts au├čer Leere, Staub und Einsamkeit. Ich musste so viel aufgeben, was mir wichtig war, und sogenannte Freunde haben sich pl├Âtzlich verhalten, als w├Ąre ich mit einem pinken Raumschiff vom Mars gelandet. Warum, werde ich wohl nie verstehen. Schlie├člich war ich genau dieselbe Lena wie vorher ÔÇô nur eben ohne Kohle.

Kapitel 2

Der Wecker klingelt mich aus meinen Gedanken zur├╝ck in die Wirklichkeit ÔÇô in mein Bett und vor die dreckig gr├╝ne Wand. Ich kann mich nicht entscheiden, was schlimmer ist. Mir fallen die Farbreste im Keller ein, die von der Renovierung im letzten Jahr ├╝brig sind. Ich erinnere mich gut daran, dass Mum die schlaue Idee hatte, etwas von der Farbe f├╝r sp├Ątere Ausbesserungen aufzuheben. Damals war ich schwer beeindruckt, dass sie in ihrem Gef├╝hlschaos daf├╝r ├╝berhaupt noch einen Blick hatte. Nachher hole ich den Eimer rauf und bearbeite die Schandflecke. Wenn nicht ich, wer dann? Nachdem Mum anfangs sehr taff und beinahe unmenschlich stark war, hat sie mittlerweile den Gro├čteil dieser Kraft verloren. Monatelang bem├╝ht sie sich nun schon um einen ordentlich bezahlten Job. B├╝roarbeit ÔÇô das was sie fr├╝her eben so gemacht hat, bevor wir Kinder kamen. Aber mit jeder Absage steckt sie den Kopf ein St├╝ckchen tiefer in den Sand und zieht sich weiter zur├╝ck. Beim Sozialamt um Unterst├╝tzung zu bitten, kommt f├╝r sie nicht in Frage. Jede Andeutung in die Richtung macht sie nur noch trauriger. Also bleibt ihr keine andere Wahl, als uns mit Aushilfsjobs ├╝ber Wasser zu halten. Den ganzen Tag lang ist sie unterwegs und abends nat├╝rlich fix und fertig. Dadurch hat sie weder den Kopf noch die Augen und Ohren f├╝r meine Probleme. Eigentlich sehen wir uns nur noch an den Wochenenden, wenn ich nicht gerade zu meinem Vater muss. Das zieht mich zwar ordentlich runter und ich f├╝hle mich oft alleingelassen, trotzdem mag ich ihr das nicht sagen. Sie hat genug Probleme und ich komme schon zurecht. Fr├╝her haben wir immer zusammen gefr├╝hst├╝ckt ÔÇô damals, in unserem ersten Leben. Jetzt ist sie l├Ąngst unterwegs, wenn ich aufstehe.
Meine Schwester hat es gut. Nike ist f├╝nf Jahre ├Ąlter als ich und kaum hatte sie ihr Ausbildungszeugnis zur Schneiderin in der Tasche, ist sie ausgezogen. Jetzt geht sie nach der Arbeit zur Abendschule und macht ihr Abi nach, dann will sie sogar studieren. Das ist schon ziemlich cool. Und ich? Was ist mit mir? Ehrlich gesagt habe ich ├╝berhaupt keine Ahnung, wie es nach der Schule weitergehen soll.
Seit zwei Monaten wohnt Nike in einem kleinen Apartment in der Nachbarstadt. Trotz des Altersunterschieds verstehen wir uns ziemlich gut und ich w├╝rde sie gern ├Âfter besuchen. Allerdings ist es mit dem Fahrrad ein verdammt weiter Weg: mindestens eine Stunde, wenn es gut l├Ąuft. Und Bus und Bahn kosten ÔÇô na, was wohl ÔÇô Geld. Bleibt also nur das gute alte Telefon ├╝brig. Es lebe die Flatrate! Niemals h├Ątte ich gedacht, dass ich meine Schwester so sehr vermissen w├╝rde, wenn sie erst mal weg ist. Nun sitze ich hier allein in meinem Elend und vielleicht auch in einer klitzekleinen Portion Selbstmitleid. Daran hat Nike nat├╝rlich keine Schuld. Nicht dass mich jemand falsch versteht. Ich g├Ânne es ihr wirklich von ganzem Herzen und sie hat es mehr als verdient, gl├╝cklich zu werden. Manchmal w├╝nschte ich mir nur, ein kleines bisschen mehr wie sie zu sein.

Widerwillig rolle ich mich aus dem Bett und schlurfe den dunklen Flur entlang ins Bad. Das grelle Neonlicht der Deckenleuchte schie├čt mir wie ein Blitz in die Augen. Schnell schalte ich es aus und gehe stattdessen erst mal zur K├╝che. Die ersten Sonnenstrahlen fallen durchs Fenster. Sie zaubern eine leuchtende Fl├Ąche auf den Fliesenboden, die mich mein tristes Dasein f├╝r einen Moment vergessen l├Ąsst. Mit nackten F├╝├čen stelle ich mich mitten ins Licht und schlie├če die Augen ÔÇô so wie damals in unserem Haus, wenn die Sonne die vordere H├Ąlfte des Esszimmers flutete. Dann war es mollig warm auf dem Parkett, doch hier bleiben die Fliesen unter meinen Fu├čsohlen kalt.
Ich gebe es auf. Die Wohlf├╝hlatmosph├Ąre von damals kommt nicht wieder, egal, wie sehr ich sie mir herbeiw├╝nsche. Ich schleppe mich zum K├╝hlschrank und ├Âffne die T├╝r. Au├čer einem Rest Milch, K├Ąse und Marmelade gibt der Inhalt nicht viel her. In der Box auf der Ablage liegen ein paar Brotreste ÔÇô damit l├Ąsst sich doch arbeiten. Kauend sehe ich kurze Zeit sp├Ąter hinaus auf die gegen├╝berliegende Dachlandschaft. Wir wohnen im sechsten Stock eines Mehrfamilienhauses im Berliner Viertel. Die anderen H├Ąuser um uns herum haben alle nicht mehr als vier Stockwerke und so gucken wir von unserer Wohnung aus ├╝ber ihre D├Ącher hinweg. Ein bisschen mehr M├╝he h├Ątte man sich beim Bau dieser Siedlung ruhig geben k├Ânnen: Ein Wohnklotz reiht sich an den n├Ąchsten wie eine Schlange zu dick geratener Dominosteine. Nur sind sie eben nicht bunt, sondern grau. Betongrau, zementgrau, mausgrau ÔÇŽ wie auch immer man es nennen will. Fr├╝her habe ich gerne graue Klamotten getragen, die passen n├Ąmlich richtig gut zu meinen Augen. Mittlerweile hasse ich sie. Nicht meine Augen, die mag ich immer noch ÔÇô ich meine die Farbe Grau. Sie ist furchtbar deprimierend. Au├čerdem werde ich lustlos und traurig, wenn ich sie zu lange anstarre. Also widme ich mich lieber meinem Brot, denn das Rot der Marmelade ist die bessere Wahl. Entschlossen drehe ich dem Fenster den R├╝cken zu und ziehe mir zur Ablenkung die n├Ąchstbeste Zeitschrift aus dem Stapel auf dem K├╝chentisch. Es ist eins meiner Journale. Wo kommt das denn her? Ich habe mir schon ewig keins mehr kaufen k├Ânnen. Nach einem Blick auf das Datum der Ausgabe wird mir alles klar ÔÇô es ist acht Monate alt, deshalb kam mir das Titelbild so bekannt vor. Mum muss es aus einem der immer noch nicht ausgepackten Umzugskartons geholt haben. Wenn auch nicht mehr topaktuell, bl├Ąttere ich trotzdem etwas darin herum und stolpere schon auf den ersten Seiten ├╝ber Themen wie ┬╗Diese 20 Herbsttrends musst du jetzt kennen┬ź oder ┬╗Magische Orte ÔÇô wo Jungs gern flirten┬ź. Seufzend klappe ich die Seiten zusammen und schiebe das Heft so weit wie m├Âglich ans andere Ende des Tisches. Ich kann mich nicht entscheiden, welches der Themen mich gerade mehr runterzieht: Klamotten oder Jungs. Mein Kleiderschrank-Desaster habe ich ja bereits erw├Ąhnt. Das mit den Jungs ist auch so eine Sache. Ich hatte mit 14 meinen ersten richtigen Freund. Zumindest glaube ich, dass er mein erster richtiger Freund war, schlie├člich haben wir uns gek├╝sst ÔÇô so richtig, meine ich. Er hie├č Jacob. So hei├čt er nat├╝rlich immer noch, nur ist er jetzt eben nicht mehr mein Freund. Nach unserem Umzug hatte er immer weniger Zeit f├╝r mich, bis wir uns gar nicht mehr gesehen haben. Ich denke, er mochte unsere neue Wohnung nicht. Einmal ist er hier gewesen und danach nie wieder. Seitdem nehme ich niemanden mehr mit nach Hause ÔÇô sicher ist sicher. Gott sei Dank geht er auf eine andere Schule, da k├Ânnen wir uns zumindest gut aus dem Weg gehen. Richtig schlimm fand ich die Trennung, die offiziell ja nie stattgefunden hat, aber nicht. Es ist und bleibt mir ein R├Ątsel, was f├╝r ein Riesending die Leute aus dem ersten Kuss machen. F├╝r mich war er ÔÇŽ nun, wie soll ich sagen ÔÇŽ irgendwie nass und glibberig. Also ganz anders, als ich es erwartet habe. Von wegen Schmetterlinge im Bauch, Achterbahn fahren, Kribbeln wie hundert Brausebonbons und was mir nicht alles vorgeschw├Ąrmt wurde. Nichts davon habe ich gemerkt und bin damit ziemlich ern├╝chtert von der ┬╗sch├Ânsten Sache der Welt┬ź. Wie so eine Beziehung enden kann, habe ich au├čerdem live und in Farbe bei meinen Eltern mitbekommen. Nein danke! Darauf kann ich gut verzichten, da bleibe ich lieber allein.
Mit einem Ruck springe ich auf, wobei mein Stuhl gef├Ąhrlich ins Kippen ger├Ąt. Ich erwische ihn gerade noch an der Lehne. Irgendwie ist heute der Wurm drin. Nachdem ich mir beim Versuch, mein Pausenbrot zu schmieren, beinahe in den Finger geschnitten habe, bin ich endg├╝ltig bedient. Langsam wird mir kalt und ich starte einen zweiten Versuch, ins Badezimmer zu gehen. Das Licht der Neonr├Âhre kam mir vorhin greller vor, wahrscheinlich haben meine Augen sich inzwischen an die Helligkeit gew├Âhnt. Ich st├╝tze mich mit beiden H├Ąnden auf den Waschbeckenrand und sehe in den Spiegel. Mein Gegen├╝ber starrt mich aus gro├čen Augen an. Die glatten haselnussbraunen Haare erinnern heute eher an zerkochte Spagetti als an die f├╝llige Lockenpracht, die ich mir w├╝nschen w├╝rde. Wenigstens ist meine Haut reiner geworden und der f├╝rchterliche Pickel an meinem Kinn zieht sich langsam zur├╝ck. Ich drehe den Kran auf und sch├╝tte mir literweise k├╝hles Wasser ins Gesicht. Oh Mann, das tut gut! Jetzt bin ich wirklich wach. Nun wartet nur noch der morgendliche Gang zum Kleiderschrank des Grauens auf mich. Ratlos stehe ich kurz darauf vor den weit ge├Âffneten T├╝ren, ziehe ein Teil nach dem anderen vom B├╝gel und halte es mir vor die Brust. Hoffentlich h├Âre ich bald auf zu wachsen und etwas w├Ąrmer k├Ânnte es auch werden. Bei kurzen ├ärmeln f├Ąllt das Elend nicht ganz so schlimm auf. Mum mag ich nicht nach Geld f├╝r neue Klamotten fragen. Ihr Gesicht spricht B├Ąnde, wenn sie ihr Portemonnaie wegen ungeplanter Ausgaben z├╝cken muss. Auf der anderen Seite merke ich ihr an, dass sie ein schrecklich schlechtes Gewissen hat, weil sie mir kaum etwas geben kann. Gut, dass ich Natti habe. Sie ist meine allerbeste Freundin und hat immer zu mir gehalten, egal, was passiert ist. Ohne sie w├╝sste ich gerade gar nichts mehr mit mir anzufangen, so ganz ohne Hobbys. Bei Polly kann ich mich nicht mehr blicken lassen. Seit wir die Vereinsmitgliedschaft und den Reitunterricht k├╝ndigen mussten, habe ich da nichts mehr verloren ÔÇô das haben mir meine sogenannten ┬╗Freundinnen┬ź auf dem Hof unmissverst├Ąndlich klargemacht. Besser nicht mehr dran denken, sonst fange ich gleich wieder an zu heulen. M├╝hsam w├╝rge ich meine Spucke an dem dicken Klo├č im Hals vorbei. Ich will nicht mehr heulen und schon gar nicht wegen dieser G├Ąnse! Eigentlich d├╝rften ├╝berhaupt keine Tr├Ąnen mehr in mir sein, so viel wie ich davon in letzter Zeit verbraucht habe.
┬╗Mensch Lena, rei├č dich zusammen und zieh dich endlich an!┬ź, br├╝lle ich mein Spiegelbild an. W├╝tend rei├če ich ein blau-wei├č gestreiftes Shirt und eine alte Jeans aus dem Regal. Mit Schwung schmei├če ich die Schrankt├╝ren zu, damit der Spiegel im Innenraum verschwindet und mich nicht mehr anschreien kann. Ich springe in die Klamotten, renne den Flur entlang und schnappe mir im Laufschritt meine Jacke und den Schl├╝ssel. Blo├č weg hier!
Sekunden sp├Ąter f├Ąllt die Haust├╝r hinter mir ins Schloss und ich stapfe ├Ąrgerlich ├╝ber mich selbst die Treppen hinunter. Drau├čen wartet Natti auf mich. Endlich ein Lichtblick in der grauen Landschaft. Sie sitzt auf der Bank vor dem Haus und grinst mir entgegen. Als ich n├Ąherkomme, f├Ąllt ihr das Lachen allerdings schlagartig aus dem Gesicht.
┬╗Ist alles okay bei dir, Lena?┬ź, fragt sie und kr├Ąuselt besorgt die Stirn. ┬╗Du siehst aus, als k├Ąmst du aus einem Horrorfilm.┬ź
Ich kenne Natti seit einer Ewigkeit. Wir haben schon im Sandkasten zusammengehalten, wenn die Jungs uns die Schaufeln auf den Kopf hauen wollten. Ich h├Ątte mein letztes Hemd f├╝r sie gegeben ÔÇô und sie f├╝r mich. Daran hat sich bis heute nichts ge├Ąndert.
┬╗Seit unserem Umzug sehe ich Horrorfilme als 24-Stunden-Endlosschleife┬ź, antworte ich und lasse mich auf den Platz neben sie fallen. ┬╗Lass uns von was anderem reden, ja? Erz├Ąhl mir lieber wie’s gestern gelaufen ist. Hast du dich mit Timo getroffen?┬ź
Natti strahlt mich genauso grell an wie unsere Badezimmerlampe heute fr├╝h. Oha, wenn das mal keine Volltreffer-Frage war.

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