Heute möchte ich dir von der Ente Enie und ihrer Heimat am See erzählen. In dieser kleinen Fabel aus dem Vorwort meines Buchs 10 Stories of life »Glücklichsein« geht es um die Macht des Bewusstseins. Wollen wir unsere Chancen erkennen und sie nutzen, führt kaum ein Weg an der bewussten Wahrnehmung unseres Umfelds vorbei. Denn sonst bestimmen automatische Abläufe weiterhin unseren Alltag und das Unterbewusstsein bleibt der Chef im Ring unseres Lebens.

Chancen erkennen – eine Fabel von der Ente am See

Chancen erkennen und nutzen: Die Ente Enie fühlt sich wohl an ihrem Heimatsee. Doch ist es das, was sie sich für den Rest ihres Lebens wünscht? Als sie auf eine Gänsefamilie trifft, eröffnen sich ihr plötzlich ungeahnte Möglichkeiten. Foto: Vinson Tan / pixabay

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Die Ente am See

Die Ente Enie saß am Ufer des Sees und putzte ihr Gefieder. Einige Meter entfernt hatte es sich eine Gänsefamilie bequem gemacht, die es ihr gleichtat. Mit schräg gelegtem Kopf dachte Enie nach, wann sie die vier an ihrem Heimatgewässer zuletzt gesehen hatte – es erschien ihr wie eine Ewigkeit. Ein Schnabel stupste sie leicht von hinten an und unterbrach ihre Gedankengänge.
­ »Weißt du schon, wo wir heute Nacht schlafen?«, fragte ihre Mutter, plusterte sich auf und schüttelte das überschüssige Wasser aus ihrem Federkleid. »Du hast immer so schöne Ideen, mein Kind.« Erwartungsvoll sah sie ihre Tochter an. Enie versprach, ein geeignetes Plätzchen für die Familie zu finden.

Am Abend hockte die Ente im Schilf und sah auf den See hinaus. Die Gänsefamilie vom Nachmittag paddelte auf sie zu – ihre Flossenschwünge hinterließen sanfte Wellen auf der glitzernden Oberfläche. Schnatternd begrüßten sie Enie und erkundigten sich nach ihrem Befinden.
­ »Mir geht es bestens«, antwortete diese freundlich. »Ich habe euch lange nicht gesehen. Das Schilf ist zwar recht dicht gewachsen, doch eigentlich durchlässig genug, um vier Gänse darin auszumachen.«
­ »Wir haben neue Gebiete erkundet«, gab eines der Gänsejungen bereitwillig Auskunft. »Das war ganz schön aufregend.«
­ »Neue Gebiete?«, wiederholte Enie verdutzt. »Ich lebe seit vielen Jahren am See und kenne jeden Winkel. Gäbe es hier neue Gebiete, wüsste ich sicher davon.«
­ »Wir haben den linken Weg genommen. Irgendwann kamen wir an einen Bachlauf neben einem Waldstück. Dort waren Kinder, die uns mit Brot fütterten«, erzählte der kleine Gänserich.
­ Enies Gesichtsausdruck verriet ihre Verwirrung. »Linker Weg?«, quakte sie. »Um den See herum führt nur ein Pfad, an dessen Ende es wieder von vorn losgeht. Und was meint ihr bloß mit Wald, Kindern und Brot? Ich habe keine Ahnung, wovon ihr redet.«

Neue Pfade entdecken und Chancen erkennen

Ein unbekannter Pfad: Hast du ihn erst einmal entdeckt, erfährst du nur, wohin er führt, wenn du ihm folgst. Foto: Felipe Terron Gomez / pixabay Foto: pixabay / Myriams-Fotos

Das Gänsejunge zupfte auffordernd an der Schwanzfeder seiner Mutter. Die streckte daraufhin die Flügel aus, flatterte kurz auf und ließ sich dann auf die Wasseroberfläche zurücksinken. Versonnen blickte sie in die Ferne. »Schau«, forderte sie die Ente auf, wobei ihr Schnabel Richtung Osten deutete. »Siehst du die Abzweigungen dahinten?«
­ Enie wandte sich um und erkannte tatsächlich drei Wege, die vom See wegführten. »Wie kommen diese Pfade plötzlich dorthin?«, wunderte sie sich.
­ »Du läufst jeden Tag daran vorbei«, antwortete die Gänsemutter. »Sie sind immer da gewesen, du hast sie bis heute nur nicht bewusst wahrgenommen.«
­ »Das ging uns lange Zeit ebenso«, ergänzte der Gänsevater. »Manche Pfade sind von Büschen überwuchert oder hinter Hecken versteckt, andere dagegen liegen von Anfang an offen vor uns. Nachdem wir den ersten gefunden hatten, war unsere Sorge groß, denn wir wussten nicht, was uns erwartet. Doch mit jedem Meter, den wir zurücklegten, fiel es uns leichter – und am Ende wurden wir für den Mut belohnt.« Er legte eine Kunstpause ein und fuhr dann mit gesenkter Stimme fort. »Hinter dem Horizont warten neben dem Risiko der Ungewissheit auch viele Chancen auf uns.«
­ Schweigend sah Enie die vier Gänse an. Sie schluckte. Bestand die Welt wirklich aus mehr als diesem See? Was wohl geschähe, wenn sie einen der Wege wählen und ihn gehen würde? Nach einiger Bedenkzeit kam ihr die Aussage der Mutter vom Nachmittag wieder in den Sinn. »Du hast immer so schöne Ideen, mein Kind«, murmelte sie die Worte vor sich hin, und in ihren Augen blitzte ein unternehmungslustiges Funkeln.

Solange Unbewusstes nicht bewusst gemacht wird, lenkt es dein Leben und du nennst es Schicksal.
Carl Gustav Jung (Schweizer Psychiater und Begründer der analytischen Psychologie)

Neue Pfade entdecken und Chancen erkennen

Ich glaube, so wie Enie ergeht es vielen von uns. Tag für Tag laufen wir um unseren wohlbekannten See herum, ohne dass wir andere Wege wahrnehmen und deren Chancen erkennen. Vielleicht lohnt es sich, von Zeit zu Zeit genauer hinzuschauen und Altbewährtes auch mal auf den Prüfstand zu stellen. Denn nur, wenn wir uns der auf den ersten Blick verborgenen Möglichkeiten bewusst werden, können wir Entscheidungen treffen, die gut für uns sind.

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