Fabel vom Affenbaum

2023-01-04T18:54:03+01:00Kategorien: Fabeln|Tags: , , |

Wann ist der richtige Zeitpunkt, um Menschen, Gegenstände oder Situationen loszulassen, statt krampfhaft daran festzuhalten? In der Fabel vom Affenbaum suchen wir nach Antworten.

Den meisten fällt das Loslassen schwer. Wir hängen an Gewohnheiten, obwohl sie uns nicht guttun. Wir umgeben uns mit Menschen, die uns runterziehen. Wir halten an Gegenständen fest, die uns unflexibel machen. Dem Affen Alfons ergeht es ähnlich. Er liebt sein Eigentum über alles und strebt beständig nach mehr. Als ihm das Gerücht vom Futterbaum zu Ohren kommt, der unendlich viel Obst produzieren soll, macht er sich umgehend auf den Weg dorthin. Noch ahnt er nicht, dass er dort in eine Situation gerät, die sein Weltbild ins Wanken bringt.

Warten in dem magischen Baum in der Fabel vom Affenbaum wirklich die versprochenen Früchte?

Der Affe Alfons freut sich in der Fabel vom Affenbaum auf einen magischen Ort. Doch hätte er ihn auch aufgesucht, wenn er gewusst hätte, was ihn erwartet? Foto: Elmer L. Geissler / pixabay

Fabel vom Affenbaum

Der Affe Alfons lebte vor vielen Jahren in einem großen Waldgebiet in Costa Rica. Eines Tages hing er wieder einmal lässig am Seil seiner Affenschaukel aus Lianen und betrachtete seine am Waldboden liegenden Schätze: Ein Futtervorrat sowie zahlreiche nützliche Gegenstände, die er im Dickicht des Regenwalds gesammelt hatte. Besonders hatte es ihm ein spitzer Granitstein angetan. Er sah aus, wie von Menschenhand gefertigt, und erleichterte ihm die Spaltung harter Kokosnussschalen erheblich. Alfons kratzte sich mit seinen schlanken Fingern hinter dem Ohr und seufzte. Nie im Leben würde er all diese Schätze mehr hergeben! Er musste sich dringend ein geeignetes Versteck suchen, damit kein anderes Tier sie jemals finden würde. Der frei zugängliche Boden stellte für sein Eigentum einen denkbar unpassenden Platz dar.

In der Nähe flog ein bunter Vogel mit leuchtend gelbem Schnabel abrupt auf – das laute Rascheln der Blätter ließ Alfons zusammenzucken. Als der gefiederte Waldbewohner schnatternd mit elegantem Flügelschlag in Richtung Himmel aufstieg, atmete der Affe hörbar auf – offensichtlich hatte der Vogel es nicht auf sein Hab und Gut abgesehen. Als er jedoch nach unten sah, traute er seinen Augen nicht.

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Ein langes grünes Reptil schlängelte sich um die am Waldboden verstreuten Vorräte herum und schnüffelte mit gierigem Blick an den dunklen Waldbeeren, die Alfons für sich gesammelt hatte. Tiefe Falten gruben sich in seine Stirn. Hätte er die Sachen bloß schon in Sicherheit gebracht! Seit er all diese schönen Dinge besaß, hatte er gefühlt keine ruhige Minute mehr. Die Sorge um den möglichen Verlust, raubte ihm inzwischen sogar den Schlaf.

Fabel vom Affenbaum: Ist das Astloch Segen oder Falle?

Beherbergt der magische Ort in der Fabel vom Affenbaum wirklich ein Astloch mit unversiegbaren Vorräten? Foto: Ralph / pixabay

Der hilfreiche Adler

Der Adler Adi beobachtete den Affen bereits eine ganze Weile aus der Ferne. Er landete in einer Baumkrone und verfolgte die aus Alfons Sicht durchaus bedrohliche Situation. Nach kurzem Zögern beschloss er, ihm in der Not zu helfen. Der Greifvogel spreizte die Flügel zu einer beeindruckenden Spannweite und sauste dann im Sturzflug hinab zu dem Reptil, das sich gerade noch rechtzeitig aus dem Staub machte. Halb enttäuscht und halb zufrieden kehrte der Adler zum Aussichtspunkt zurück.

Kaum war die Gefahr gebannt, stürzte Alfons sofort runter zu seinem Eigentum und schloss es mit klopfendem Herzen in die Arme, wobei keine Zeit für einen Dank an den Adler blieb. Adi legte den Kopf schräg und fragte sich, was den Affen so sehr an diese Dinge band, dass all sein Denken sich um deren Schutz drehte. Es schien, als bestimmten sie seinen Alltag, ja, fast sein ganzes Leben. Wie weit er wohl gehen würde, um noch mehr Dinge anzuhäufen und sich mit Haut und Haaren in deren Abhängigkeit zu begeben?

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Der magische Ort in der Fabel vom Affenbaum

Der Adler segelte mit eleganten Schwüngen abwärts und ließ sich neben dem Affen nieder. Er räusperte sich umständlich, bevor er begann, ihm mit gesenkter Stimme von einem magischen Ort zu erzählen, an dem der Legende nach ein Wunderbaum stehe. In seinem Inneren soll er einen nie versiegenden Obstbestand tragen, der durch ein Astloch problemlos erreichbar sei. Alfons runzelte die Stirn und ließ sich die Worte des Adlers kurz durch den Kopf gehen. Er kam zu dem Ergebnis, dass sich ihm damit eine einmalig tolle Chance bot. Er könnte endlos viel Reichtum an sich bringen – das würde sein Leben sicher deutlich entspannter machen! Also willigte er ein, dem Adler zu folgen.

Fabel vom Affenbaum: Loslassen lernen führt zu äußerer und innerer Freiheit

Der Adler Adi weiß in der Fabel vom Affenbaum um die Bedeutung der äußeren und inneren Freiheit. Foto: Christoph / pixabay

Trotz der Aussicht auf schier unendliche Vorräte, schleppte Alfons seine angesammelten Früchte und all die anderen Dinge den ganzen Weg mit sich durch den Wald. Nach einem langen Marsch erreichten sie schließlich den magischen Baum. Der Affe legte alles neben einem Busch ab und bat Adi, darauf aufzupassen. Er wischte sich eine Schweißperle von der Stirn, kletterte den Stamm empor und entdeckte tatsächlich ein kleines Loch auf Höhe der Baummitte zwischen den Ästen. Erwartungsvoll langte er hinein und ertastete einige Bananen. Ein Glücksgefühl durchfuhr ihn – das nur leider nicht besonders lange anhielt. Denn als Alfons die Hand mit seiner Beute wieder aus dem Astloch herausziehen wollte, erstarrte er. Es ging nicht! Sobald er die Bananen in der Faust hatte, passte sie damit nicht mehr durch das Loch. Der Affe stützte sich mit den Füßen am Stamm ab und zog mit aller Kraft – doch er steckte fest.

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Loslassen – immer eine Option

Plötzlich entdeckte der Adler im Gebüsch zwei Männer mit Gewehren, die auf Alfons zielten. Er stieß sofort einen ohrenbetäubenden Warnschrei aus. Die Jäger fuhren zusammen und sahen sich hektisch um. Alfons hatte die Gefahr inzwischen ebenfalls erkannt, hielt jedoch weiterhin verzweifelt an den Früchten im Astloch fest – sein Körper bebte. In diesem Moment sauste der Adler auf die Schützen zu, bereit, seinen Begleiter mit allen Konsequenzen zu verteidigen. Mit Erfolg, denn innerhalb weniger Sekunden suchten sie das Weite.

Adi eilte zu dem zitternden Affen und bat ihn, die Bananen endlich loszulassen, die ihm beinahe den Tod gebracht hätten. Langsam öffnete Alfons die Finger, ließ das Obst fallen und zog die Hand mit einem Ruck aus dem Loch heraus. Er betrachtete seine leere Handfläche nachdenklich, kletterte schließlich den Baum hinab und ging zu seinen mitgebrachten Vorräten. Doch gerade als er alles zusammenklauben wollte, hielt er inne. Nach kurzem Zögern nahm er entschlossen nur den hilfreichen Stein und ein paar Beeren für den Rückweg mit. Frei von unnötigem Ballast macht er sich leichtfüßig auf in ein neues Leben. Der Adler sah ihm hinterher und lächelte.

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