Wo haben sich unsere Glücksmomente versteckt? Machen wir uns gemeinsam auf die Suche!

Glücksmomente lieben wir alle und sie gehören zu einem erfüllten Leben wie das Licht zum Tag. Doch im Hamsterrad des Alltäglichen tarnen sie sich oft recht gut, sodass wir sie nur erkennen, wenn wir genau hinschauen. Dabei sind Kinder für uns Erwachsene manchmal tatsächlich die besten Lehrmeister. Das beweist Lukas während eines Tagesausflugs seinem Vater Lars, den er mit dem Bau einer Sandburg erst zur Verzweiflung und anschließend zum Nachdenken bringt.

Was sind deine Glücksmomente? In welchen Situationen empfindest du Erfüllung?

Lukas und sein Vater Lars empfinden Glücksmomente nicht in der gleichen Weise. Kinder haben noch eine Gabe, die vielen Erwachsenen verlorengegangen ist. Foto: WebWertig / pixabay

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Der Strandtag

­Lukas ließ die Hand seines Vaters los, rannte auf den Strandkorb mit der Nummer elf zu und klopfte aufgeregt gegen dessen Rückseite. Als sein Vater ebenfalls dort ankam und die Tasche mit den Sandspielsachen neben ihm abstellte, befreite Lukas umgehend die Schaufeln, Eimer, Harken und Förmchen von dem hellen Leinenstoff. Er legte alles auf einen Haufen, baute sich daneben auf und stemmte unternehmungslustig seine Hände in die Hüften. »Also, von mir aus kann es losgehen!«
­ Der Vater seufzte. »Lass mich doch erst mal ankommen. Das Sperrgitter vor der Sitzbank hängt noch und umgezogen bin ich auch nicht.«
­ Lukas billigte ihm fünf Minuten Vorbereitungszeit zu. Er sah auf seine blaue Kinder-Tauchuhr und drückte auf einen der Knöpfe, um die Zeit zu stoppen.
­ Sein Vater lachte, während er den Schlüssel im Vorhängeschloss drehte und anschließend die hölzerne Vergitterung des Strandkorbs abnahm. »Bei dir weht ja ein rauer Wind«, stellte er amüsiert fest.
­ »Darauf kannst du wetten«, antwortete Lukas grinsend. »Schließlich hast du es mir versprochen. Heute bauen wir so eine große Sandburg.« Er ging hoch auf die Fußballen, streckte sich und breitete die Arme aus, so weit es ihm möglich war.
­ »Puh, das klingt nach Arbeit.«
­ »Nee«, erwiderte Lukas. »Nach Spaß.« Er setzte sich neben sein Spielzeug in den Sand und wartete.
­ »Bring die Sachen doch schon mal vorn zum Wasser«, schlug der Vater vor. »Wir brauchen sicher viel davon – für das Gebäude und für den Burggraben.«
­ Das ließ Lukas sich nicht zweimal sagen. Er raffte all sein Hab und Gut zusammen und flitzte voll bepackt durch den warmen Sand. Es war früher Vormittag. Bei den Temperaturen konnte er problemlos barfuß darauf laufen, ohne sich die Sohlen zu verbrennen. Gut, dass die Vorfreude ihn an diesem Tag besonders zeitig geweckt hatte, so blieb ausreichend Zeit für ihr Bauvorhaben, bevor Mutter ihn am Nachmittag abholen würde. Er öffnete seine Arme wie die Greifer eines Baggers und die Spielsachen fielen in einem Schwung auf den Boden. Lukas hockte sich daneben und starrte auf eines der Muschelförmchen, bis es vor seinen Augen verschwamm. Er wünschte, es wäre wieder wie damals – ganz hatte er die Trennung der Eltern noch nicht verdaut. Er zwickte sich selbst leicht in die Schulter und schüttelte den Kopf, bis die dunkelbraunen Locken flogen. Das tat er immer, wenn die Erinnerungen an die Oberfläche drängte. Meistens half es, die trüben Gedanken zumindest vorübergehen aus seinem Bewusstsein zu verbannen. Plötzlich wuschelte ihm jemand von hinten durchs Haar. Lukas schirmte die Augen gegen die Sonne ab und schaute hoch. In diesem Moment ließ sein Vater sich schon neben ihm auf die Knie fallen.
­ »Also, ich habe mich mal schlaugemacht«, begann er. »Wir dürfen nicht zu viel Wasser untermischen. Es braucht nur wenig Flüssigkeit, damit die Körner sich miteinander verbinden und der Sand tragfähig wird.« Er fuhr sich nachdenklich über den Dreitagebart. »Ich bin mir nicht sicher, wie viel genau. Aber hat die Burg ein ausreichend breites Fundament und wir bekommen die optimale Dichte der Baumasse hin, wird sie riesig und bleibt trotzdem stabil.«
­ Lukas sah seinen Vater entgeistert an. »Du, Papa?«, fragte er und zog die Worte dabei wie ein Kaugummi in die Länge.
­ »Mmh?«
­ »Können wir nicht einfach anfangen?«

Lassen wir ab und zu mal die Seele baumeln und geben uns dem Moment hin

Ob Sandburgen bauen, den Garten beschneiden oder Geschirr abspülen: Das alles kann zur Alltagsmeditation werden und die Basis für unsere Glücksmomente schaffen. Foto: Chrystal Ponce / pixabay

Glücksmomente für den einen, Katastrophe für den anderen

Eine Stunde später war aus einzelnen Sandkörnern eine beeindruckende Burg mit sechs verschieden großen Türmen, zahlreichen Zinnen sowie einigen Fenstern geworden. Parallel dazu hatte der Vater die Zeit genutzt und sich gedanklich eine Strategie für sein Mitarbeitergespräch am kommenden Tag zurechtgelegt. Nun stand er auf und trat einen Schritt nach hinten. Zufrieden betrachtete er das Ergebnis. »Was meinst du? Ist uns doch gut gelungen, oder?«
­ Lukas stellte sich neben ihn und strahlte. »Ja, Papa. Echt toll!«
­ »Dann haben wir uns jetzt aber eine Kekspause verdient.«
­ »Auf jeden Fall«, quietschte Lukas vergnügt. »Geh schon mal vor, ich komme gleich.«
­ Der Vater kehrte zum Strandkorb zurück. Er zog an dem hervorstehenden blau-weißen Volant, woraufhin eine kleine Markise ausfuhr und Schatten auf die heiße Sitzfläche warf. Er breitete zwei Handtücher darauf aus. Die Kühlbox bot abseits der versprochenen Kekse sowohl kalte Getränke als auch belegte Brötchen. Er nahm eines davon aus der Tüte, biss herzhaft hinein und legte die Füße anschließend auf die dafür vorgesehene ausziehbare Ablage. Als er jedoch in Richtung Meer zu seinem Sohn schaute, blieb ihm das Essen im Hals stecken – mit einem Ruck setzte er sich auf. »Lukas!«, rief er so laut, wie er konnte, nachdem der Hustenanfall abgeebbt war.
­ Lukas sah auf und rannte zu ihm. »Ja, Papa?«
­ »Du hast die Burg zerstört!«, stellte der Vater fassungslos fest. Sein Zeigefinger wies anklagend zu dem Platz, an dem das Kunstwerk eben noch gestanden hatte. »Es ist nichts mehr übrig. Wir haben so lange dafür gebraucht«, er fuhr sich fahrig durchs Haar. »Warum hast du das bloß getan?«
­ »Ich will eine andere bauen. Mit Innenhof.«
­ »Und wieso baust du sie nicht daneben und lässt die alte stehen?«
­ Lukas zuckte mit den Schultern. »Na ja, sie war doch fertig. Da dachte ich, wir brauchen sie nicht mehr.«
­ Der Vater schlug sich mit der flachen Hand an die Stirn. »Ich verstehe dich nicht«, sagte er. »Wofür haben wir das alles dann überhaupt gemacht? Eins sage ich dir: Die nächste Burg kannst du alleine bauen. Ich bin raus!«
­ Zerknirscht schaute Lukas ihn an. »Bist du jetzt sauer?«
­ »Nicht richtig.«
­ »Kriege ich trotzdem Kekse?«
­ »Klar, setz dich«, murmelte der Vater und klopfte neben sich auf das Handtuch.

Loslassen und den Moment genießen

Glücksmomente einfangen: Erfüllung entsteht im Jetzt – denn das ist der Augenblick, in dem wir tatsächlich leben. Foto: Stock Snap / pixabay

Glücksmomente erkennen und verstehen

Eine Frau mit bunten Flip-Flops und einem ebenso farbenfrohen Sommerkleid lehnte sich am Nachmittag gegen die rechte Strandkorbseite. »Hallo Lars. Wie war euer Tag?«
­ »Hey Vera« antwortete Lukas’ Vater. »Es war in Ordnung. Hat Spaß gemacht mit ihm.«
Vera suchte mit dem Blick den Strand ab, bis sie ihren Sohn entdeckte, der feuchten Sand festklopfte und mit der Schaufel hantierte. Dann wandte sie sich ihrem Ex-Mann zu. »Spielt er die ganze Zeit über alleine?«
­ Lars sah zu ihr auf, konnte ihren Gesichtsausdruck durch die übergroßen dunklen Sonnenbrillengläser jedoch nicht deuten. »Die erste Burg haben wir zusammen gebaut.«
­ Vera lachte hell auf. »Wie ich ihn kenne, ist es bei einer nicht geblieben.«
­ »Öhm, nein.«
­ »Er liebt es, Dinge aufzubauen und sie wieder abzureißen. Aufbauen, abreißen, aufbauen, abreißen und anschließend am besten noch einmal von vorn.« Sie zog die Brille ab und steckte sie sich ins Haar. Feine Fältchen umrahmten ihre Augen. Lars blinzelte gegen die Sonne an. Er musste zugeben, sie standen ihr gut – Vera sah glücklich aus.
­ Normalerweise wahrte Lars ihr gegenüber in jeder Situation den Schein, er wollte sich keine Blöße geben. Doch an diesem Tag lag eine stille Vertrautheit in der Luft, die er lange nicht gespürt hatte. »Ehrlich gesagt verstehe ich bis heute nicht, warum Lukas das tut«, gab er zögernd zu. »Die Burg war gerade fertig, da hat er sie ohne mit der Wimper zu zucken, sofort wieder kaputt gemacht – als sei es das Selbstverständlichste der Welt.«
­ Vera schaute ihn prüfend an, dann setzte sie sich auf den freien Platz neben ihn. »Was hätte er deiner Meinung nach denn machen sollen?«
­ »Na, sie stehen lassen.«
­ »Und weshalb? Um sie zu verwalten?«
­ »Sehr witzig«, brummte Lars. »Natürlich nicht.«
­ »Wieso sonst?«
­ »Weil … weil es viel Arbeit gewesen ist und sie toll aussah.«
­ Vera lächelte. »Er tut es für das Erlebnis, du für das Ergebnis. Das ist der Unterschied.«
­ »Wie meinst du das?«
­ »Er hat sich schon Tage vorher auf den Burgbau gefreut. Nicht, um am Ende ein perfektes Exemplar zu haben, sondern auf den Weg dorthin. Er genießt den Prozess und seine Glücksmomente. Dabei entspannt er, vertieft sich in den Moment und ist happy. Seine Gedanken drehen sich nicht um irgendwelche Ziele in der Zukunft. Sie sind die ganze Zeit über in der Gegenwart – da, wo wir Glück empfinden.«
­ »Aber ich war auch zufrieden, als ich die Burg fertig hatte.«
­ »Und für wie lange? Ein paar Sekunden? Du erreichst dein Ziel, bewunderst es kurz, kehrst ihm den Rücken – und das Glücksgefühl verblasst.« Mit dem Kinn deutete sie auf ihren Sohn, der weiterhin unermüdlich auf den Sand klopfte und ihn formte. »Bei ihm dagegen hält es seit Stunden an.«
­ Lars gestand sich ein, dass er beim Spiel mit Lukas mental nicht bei der Sache gewesen war. Und auf dem Rückweg zum Strandkorb war die Burg für ihn bereits vergessen gewesen. Vera hatte recht.
­ »Ist es vielleicht nur Kindern vorbehalten, so zu empfinden?«, fragte er. »Mir als Erwachsener fällt es schwer.«
­ Vera schüttelte den Kopf. »Du kannst es auch. Jeder kann es. Viele nehmen es nur nicht mehr bewusst wahr und sind deshalb nicht in der Lage, es auf andere Situationen zu übertragen.«
­ »Meinst du?« Lars klang wenig überzeugt.
­ »Den Winterurlaub verbringst du doch immer in den Bergen. Fährst du dort Ski, um unten anzukommen und dich wieder am Lift anzustellen?«
­ »Was für eine Frage. Natürlich genieße ich jede einzelne Abfahrt – ein unbeschreibliches Freiheitsgefühl.«
­ Vera zog kommentarlos die Augenbrauen hoch.
­ Lars stutzte. »Das ist es, oder?«, flüsterte er.
­ »Ja«, antwortete sie. »Genau das ist es.«

Gestern ist Geschichte. Morgen ist ein Geheimnis. Heute ist das Leben.
Glücksmomente – Verfasser*in unbekannt

Dies war eine Nachdenk-Geschichte aus meinem Buch »10 STORIES of life – Glücklichsein«. Darin lernst du den Ballonfahrer Benjamin (Ben) Wisely kennen, der seine Gäste mit zehn weisen Erzählungen auf eine unvergesslich inspirierende Reise begleitet. Hier findest du eine Leseprobe.

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