Loslassen vs. Festhalten: Fabel vom Affenbaum

Kannst du Menschen, Dinge und Situationen gut loslassen oder neigst du dazu, an allem bis zum bitteren Ende festzuhalten?

Den meisten fällt das Loslassen schwer. Wir hängen an Gewohnheiten, obwohl sie uns nicht guttun. Wir umgeben uns mit Menschen, die uns runterziehen. Wir halten an Gegenständen fest, die uns unflexibel machen. Dem Affen Alfons ergeht es ähnlich. Er liebt sein Eigentum über alles und strebt beständig nach mehr. Als ihm das Gerücht vom Futterbaum zu Ohren kommt, der unendlich viel Obst produzieren soll, macht er sich umgehend auf den Weg dorthin. Noch ahnt er nicht, dass er dort in eine Situation gerät, die sein Weltbild ins Wanken bringt.

Loslassen lernen: Warten in dem magischen Baum wirklich die versprochenen Früchte?

Der Affe Alfons freut sich auf den magischen Baum und ahnt noch nicht, was auf ihn zukommt. Foto: Elmer L. Geissler / pixabay

Fabel vom Affenbaum

Loslassen vs. Festhalten

Der Affe Alfons hing lässig am Seil der Affenschaukel und betrachtete sichtlich zufrieden seine am Waldboden liegenden Besitztümer. Gut zwei Meter unter ihm lagen neben diversen Fruchtvorräten auch einige nützliche Gegenstände, die er im Dickicht des Regenwalds seiner brasilianischen Heimat gefunden hatte. Besonders hatte es ihm ein spitzer Granitstein angetan. Er sah aus, wie von Menschenhand gefertigt, und erleichterte ihm die Spaltung harter Kokosnussschalen erheblich. Alfons kratzte sich mit seinen schlanken Fingern hinter dem Ohr und seufzte. Niemals würde er all diese Schätze mehr loslassen! Er musste sich dringend ein geeignetes Versteck suchen, damit kein anderes Tier sie jemals finden würde.

Ein bunter Vogel mit leuchtend gelbem Schnabel flog ganz in der Nähe abrupt auf – das laute Rascheln der Blätter ließ Alfons zusammenzucken. Als der gefiederte Waldbewohner schnatternd mit elegantem Flügelschlag in Richtung Himmel aufstieg, atmete der Affe hörbar auf – offensichtlich hatte der Vogel es nicht auf sein Hab und Gut abgesehen. Doch als er seinen Blick wieder abwärts richtete, traute er seinen Augen nicht.

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Loslassen lernen mit Adler Adi

Ein langes grünes Reptil schlängelte sich um die am Waldboden verstreuten Vorräte herum und schnüffelte sichtlich hungrig an den dunklen Waldbeeren, die Alfons für sich gesammelt hatte. Tiefe Falten gruben sich in seine Stirn. Hätte er die Sachen doch bloß schon versteckt! Seit er all diese schönen Dinge besaß, hatte er gefühlt keine ruhige Minute mehr. Die Sorge um den Verlust seines Eigentums, raubte ihm inzwischen sogar den Schlaf.

Das Astloch im magischen Baum. Segen oder Falle?

Beherbergt der magische Baum ein Astloch mit unversiegbaren Vorräten? Foto: Ralph / pixabay

»Du wirkst nervös, mein Lieber«, ertönte von oben plötzlich eine dunkle, krächzende Stimme. Wieder fuhr Alfons zusammen. Er sah sich hektisch um und entdeckte schließlich den Adler Adi in einer Baumkrone unweit von ihm.
­ »Bin ich auch!«, rief der Affe aufgebracht. »Die Schlange bedroht mein Futter – und am Ende frisst sie noch meinen Granitstein!«
­ Der Adler stieß einen Schrei aus, der in Alfons Ohren beinahe wie ein Lachen klang. »Wohl kaum«, sagte er, nachdem er sich einigermaßen beruhigt hatte. »So verrückt wird sie nicht sein.« Der Greifvogel spreizte die Flügel zu einer beeindruckenden Spannweite und sauste dann im Sturzflug hinab zu dem Reptil, das sich gerade noch rechtzeitig aus dem Staub machte. Halb enttäuscht und halb zufrieden kehrte der Adler zu seinem Aussichtspunkt zurück. »Du machst dich zu verrückt«, bemerkte er an Alfons gewandt. »Manchmal müssen wir Dinge auch loslassen, statt krampfhaft an allem festzuhalten. Erspart Stress – glaub mir.«
­ »Nein, nein, das will ich nicht«, lehnte der Affe entschlossen ab. »Das kann ich nicht.«

Der magische Baum

»Du könntest es lernen«, schlug der Adler vor.
­ »Ich weiß aber nicht wie.«
­ Adi legte den Kopf schräg. »Ich denke, ich habe eine Lösung für dich«, meinte er nach einer kurzen Kunstpause. »Nicht weit von hier gibt es einen Baum.«
­ Alfons schaute den Adler an, als habe der ihm gerade eröffnet, die herausragende Feder seines Gefieders sei ein seltenes Fundstück. »Hier gibt es überall Bäume«, brummte er. »Wie soll mir das weiterhelfen?«
­ »Es ist ein besonderer Baum. Er ist magisch.«
­ »Magisch?«, wiederholte der Affe.
­ Adi nickte. »In seinem Inneren gibt es einen nie versiegenden Obstbestand. Du erreichst die Früchte über ein Astloch. Ich verrate dir, wo der Baum steht. Dann musst du nur noch auf deinen Granitstein achtgeben, der dir so am Herzen liegt, denn Vorräte hast du dann genug bis in die Ewigkeit.«
­ Alfons dachte kurz nach. Dann stand er entschlossen auf, um dem magischen Baum einen Besuch abzustatten.

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Besser loslassen? Vorsicht Falle!

Trotz der Aussicht auf schier unendliche Vorräte, schleppte Alfons seine angesammelten Früchte und weiteren Schätze den ganzen Weg mit sich durch den Wald, bis er endlich den magischen Baum erreichte. Der Affe legte all die ihm so wichtigen Dinge neben einem Busch ab, schüttelte seine Arme aus und wischte sich anschließend eine Schweißperle von der Stirn.
­ »Das ist also dein Wunderbaum? Pass bitte auf mein Eigentum auf«, rief er dem Adler zu und schwang sich dann schneller hinauf zu dem versprochenen Astloch, als Adi gucken konnte. Alfons langte hinein und ertastete tatsächlich mehrere Bananen während der Adler seine am Boden liegenden Habseligkeiten keines Blickes würdigte, sondern stattdessen die Umgebung um den Baum herum mit Argusaugen beobachtete. Als Alfons die Hand mit seiner Beute wieder aus dem Astloch herausziehen wollte, erstarrte er. Es ging nicht! Sobald er die Bananen in der Faust hatte, passte sie damit nicht mehr durch das Loch. Der Affe stützte sich mit den Füßen am Stamm ab und zog mit aller Kraft, doch er steckte fest.

Loslassen lernen führt zu äußerer und innerer Freiheit

Loslassen lernen: Der Adler Adi weiß um die Bedeutung der äußeren und inneren Freiheit. Foto: Christoph / pixabay

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»Achtung!«, rief Adler Adi plötzlich. »Jäger!«
­ Panisch sah Alfons zu Boden und erblickte zwei Menschen, die mit gefährlich aussehenden Geräten auf ihn zielten.
­ »Lass los und hau ab«, schrie Adi.
­ »Nein, nein, ich kann nicht!«, brüllte Alfons zurück. »Meine Bananen!« Kurz darauf flog ein großes Netz in seine Richtung und legte sich über ihn. Er war gefangen, hatte den Moment zur Flucht verpasst – das Obst hielt er weiterhin krampfhaft umklammert, sein Körper bebte.
­ In diesem Moment sauste der Adler auf die Schützen hinab, bereit, seinen Freund mit allen Konsequenzen zu verteidigen. Die Jäger versuchten vergeblich, den Adlerangriff abzuwehren, und suchten schnell das Weite.

Adi befreite Alfons von dem Netz und sah ihn an. »Lass die Bananen los«, wiederholte er. »Du bekommst sie nicht heraus, es ist eine Falle.«
­ Der ängstliche Ausdruck auf Alfons Gesicht wich blanker Wut. »Du hast es gewusst und mich absichtlich der Gefahr ausgesetzt«, zischte er. »Ich will dich nie wiedersehen!« Mit diesen Worten kletterte er den Baum hinunter und wandte sich seinen am Busch abgelegten Vorräten zu. Gerade als er alles zusammenklauben wollte, hielt er inne. In seinem Kopf arbeitete es sichtlich. Schließlich nahm er nur den hilfreichen Stein und ein paar Beeren für den Rückweg mit. Frei von unnötigem Ballast macht er sich leichtfüßig auf in ein neues Leben. Der Adler sah ihm nach und lächelte.

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Let it go – Freiheit und Seelenfrieden durchs Loslassen

Warum können wir etwas oft erst loslassen, wenn wir quasi dazu gezwungen sind und mehr oder weniger mit dem Rücken zur Wand stehen? Ich denke, dafür gibt es vielfältige Gründe, die unter anderem mit unserer Sozialisierung, Erfahrungswerten und vielleicht auch einem gewissen Maß an Bequemlichkeit zu tun haben. Um rechtzeitig zu bemerken, wer oder was in unserer Umgebung uns nicht guttut und eher Last als Segen ist, hilft von Zeit zu Zeit ein bewusster Zustandscheck:

  • Welche Situationen bereiten dir immer wieder Probleme?
  • Wer oder was beeinflusst dich in diesen Momenten beziehungsweise löst das Unbehagen aus?
  • Was würde geschehen, wenn du die Dinge oder den Kontakt zu diesen Menschen loslassen würdest?
  • Wäre die neu entstandene Situation unangenehmer für dich als die alte?
  • Bevorzugst du den Vorher- oder Nachher-Zustand?

Oft ist das fehlende Bewusstsein für die wahren Auslöser unserer Probleme der Grund dafür, warum wir nicht wissen, wieso wir uns überhaupt schlecht und unzufrieden fühlen. Hier ist ein prüfender Blick auf unser Lebensumfeld ein erster Schritt zur Lösung. Denn nur so ist es uns möglich, abzuwägen, ob wir weiterhin an einer Sache festhalten oder doch lieber loslassen – fürs Seelenheil und unsere innere Freiheit. Dabei sind wir Menschen mithilfe von Selbstcoaching-Fragen glücklicherweise in der Lage, diese Konfrontation mit sanfteren Mitteln durchzuführen, als der Adler Adi es dem armen Alfons zugemutet hat.

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