Schnee sei Dank – Leseprobe2017-09-07T10:36:02+00:00
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Leseprobe

Schnee sei Dank – Ein Winter-Wunder-Weihnachtsroman

Schnee sei Dank – Cover

1

Samstag, 20. Dezember – am frühen Nachmittag

Heißt es nicht, kurz vor Weihnachten geschehen überall auf der Welt kleine Wunder? Eines davon würde Nelly schon ausreichen. Eines in Form einer Ansage, wo sie diesen verdammten Bahnsteig findet, an dem ihr Zug nach Stuttgart in den nächsten Minuten abfahren wird.
»Entschuldigung, können Sie mir sagen, wo Bahnsteig 4 ist?«, fragt Nelly eine hochgewachsene, blonde Frau, die in diesem Moment ihren Weg kreuzt.
Anstelle einer Antwort neigt sie den Kopf beiseite und schaut mit hochgezogenen Augenbrauen an Nelly vorbei auf den Boden. Ihr kühler Blick verweilt auf einer roten Tasche, die mitten in einer Matschpfütze liegt – verziert mit unzähligen dunklen Spritzern auf dem feinen Leder. Nelly stöhnt auf, als sie ihr Lieblingsstück nun zum dritten Mal an diesem Tag in solch einer ungemütlichen Lage sieht. Die braunen Flecken auf der glatten Oberfläche erinnern in ihrer Form mittlerweile an ein frech grinsendes Sommersprossengesicht – fehlt nur noch, dass es ihr schadenfroh die Zunge herausstreckt. Nelly geht in die Knie, wobei sie umständlich den Saum ihres hellen Mantels hochhält. Mit spitzen Fingern angelt sie nach dem Tragegriff und erlöst ihre Tasche schließlich mit einem Ruck aus der misslichen Situation. Prüfend hält sie sie in die Luft. Kleine Klümpchen rinnen daran herunter und dicke Tropfen suchen sich ihren Weg zurück auf den nassen Boden des Kölner Hauptbahnhofs. Die Halle ist zwar vollständig überdacht, aber die vorbeihastenden Leute schleppen die ganze Schweinerei an den Schuhen mit hinein. Und an diesem letzten Samstag vor Weihnachten gibt es besonders viele gestresste Menschen. Sehr viele – wahrscheinlich mehr als an jedem anderen Tag im Jahr.
Nelly kann Züge nicht leiden und die überfüllten Exemplare erst recht nicht. Sie lebt schon seit einiger Zeit in Köln, hat um den Bahnhof aber meist einen großen Bogen gemacht. Das Krankenhaus, in dem sie arbeitet, ist mit dem Fahrrad gut erreichbar, und für längere Strecken hat sich bisher immer jemand gefunden, der ihr ein Auto ausleiht.
Umständlich rappelt Nelly sich auf und dreht sich zu der blonden Frau herum: Die Stelle, an der die Dame eben noch gestanden hat, ist leer. Verärgert zieht Nelly eine Packung Tempotücher aus dem Mantel und tupft damit notdürftig ihre Tasche trocken. Die Nässe hat deutliche Spuren daran hinterlassen, doch zumindest kann sie sie in diesem Zustand wieder auf die Oberseite des Trolleys binden. Prüfend rüttelt sie am Kofferband. Der Gurt muss richtig festsitzen, denn eine weitere Landung im Matsch wäre wahrscheinlich das Todesurteil. Trotz ausgiebiger Suche hat Nelly die Originalbefestigung nicht finden können, also musste dieses fragwürdige Provisorium herhalten.
Ihr Blick wandert auf die Armbanduhr an ihrem Handgelenk. Wenn der Zug keine Verspätung hat, fährt er exakt in diesem Moment los. Dabei hat sie sich extra früh auf den Weg gemacht – offensichtlich ist extra früh immer noch nicht früh genug gewesen. Wer rechnet schon mit so einem Chaos? Schlägt das Wetter um, verlieren die Leute den Verstand und löschen alle Verkehrs- und Verhaltensregeln von jetzt auf gleich unwiderruflich aus ihren Köpfen.
Nelly schaut sich um: Irgendwo müssen die Gleisnummern angeschrieben stehen. Schritt für Schritt kämpft sie sich voran – vorbei an sperrigen Regenschirmen und überdimensionalen Koffern, bis endlich die Anzeigetafeln erscheinen. Ungläubig starrt sie hinauf, denn nur einige der Bildschirme geben die Informationen in leuchtend weißen Buchstaben preis. Der Rest ist dunkel. Schwarz wie ein Höhleneingang im tiefsten Hexenwald. Ausgefallen, abgestürzt. Diese verfluchte Technik! So angenehm der Fortschritt in vielen Fällen auch ist: Das wäre mit ordinären Blechschildern bestimmt nicht passiert. Denk nach, Nelly! Rechts sind die ungeraden und links die geraden Zahlen. Wenn dort die Nummer drei ist, dann muss gegenüber logischerweise die vier sein. Auf gut Glück zerrt sie ihr Gepäck hinter sich her, die Treppen zu den Gleisen hinauf. Mit der Tatsache, nur noch die ausfahrenden Rücklichter des ICE zu Gesicht zu bekommen, hat sie sich mental bereits abgefunden. Umso erfreulicher ist der Anblick des weiß-roten Zuges, der erscheint, als sie die letzte Stufe endlich erreicht. Auf die Deutsche Bahn ist eben Verlass, was die Verspätungen angeht.
Bevor die Türen ihr vor der Nase zuschlagen können, steigt Nelly eilig ein und drängt sich an den Leuten im Gang vorbei. Gut, dass sie einen Sitzplatz reserviert hat, denn der Zug ist hoffnungslos überfüllt und stinkt zu allem Überfluss bis zum Himmel. Die nassen Jacken und Mäntel verbreiten einen unangenehm klammen Dunst. Vermischt mit dem teils recht penetranten Körpergeruch der Mitreisenden ergibt das keine sonderlich appetitliche Mischung. Nelly rümpft die Nase, und eine kleine steile Falte erscheint auf ihrer Stirn. Das ist ja unerträglich! Halt suchend stützt sie sich mit der Hand an einem der Fenster ab. In diesem Moment schließt der Zug zischend die Türen, gefolgt von dem durchdringenden Pfiff des Schaffners. Nun gibt es kein Zurück mehr. Ein flaues Gefühl breitet sich in Nellys Magengegend aus und arbeitet sich langsam aufwärts. Vielleicht hätte sie besser frühstücken sollen, doch nach dem Aufstehen bekommt sie mit viel gutem Willen gerade mal ein halbes Brötchen herunter. Einen Snack hat sie vorsichtshalber zwar eingepackt, in der Hektik ist sie aber nicht dazu gekommen, nur einen Krümel davon zu essen. Ihr Mund ist trocken, die Zunge klebt förmlich an ihrem Gaumen fest, und die aufsteigende Übelkeit lässt sich kaum noch unterdrücken. Luft! Frische Luft muss her, denn tief durchatmen ist unter den Umständen wohl eher kontraproduktiv. Der Panik nahe sucht Nelly die Fenster ab. Wo zum Teufel sind die Griffe? Lassen die Dinger sich nicht wenigstens ein Stückchen kippen? Mit der flachen Hand schlägt Nelly gegen die Scheibe – obwohl der Zug voller Menschen ist, nimmt niemand Notiz davon. Kalter Schweiß tritt aus ihren Poren und die Gesichter der Anderen verschwimmen vor ihren Augen. Links neben ihr fliegt die Abteiltür auf und eine Hand packt sie am Arm. Die Umgebung wird schwarz, Nellys Bewusstsein schwebt unaufhaltsam in die Ferne und taucht schließlich ab, in völlige Dunkelheit.

»Hallo? Können Sie mich hören?«
Von weit her dringen dumpfe Töne zu Nelly durch. Es klingt, als säße sie auf dem Grund eines Sees, doch die Worte von oben kommen gegen die Dichte der Wassermassen einfach nicht an.
»Mensch, die ist total weggetreten. Wir müssen einen Arzt holen!«
»Nee, is klar. Wo willste denn hier bitte schön einen Arzt aus dem Hut zaubern?«
»Hast du vielleicht ne bessere Idee, Klugscheißer?«
»Ruhe!«, donnert die erste Stimme dazwischen. »Haltet die Klappe. Ich glaube, da ist sie wieder.«
Als Nelly zu sich kommt, blickt sie in unzählige Augenpaare, die hinter der Scheibe auf sie hinabgaffen, als wäre sie ein pink-gestreifter Affe im Zoo. Mühsam richtet sie sich auf. »Wer braucht einen Arzt? Ich bin …«, setzt sie an, doch weiter kommt sie nicht. Ihr Kopf gleicht einem Brummkreisel und bunte Punkte hüpfen durch ihr Blickfeld. Stöhnend greift sie sich an die Stirn und lehnt sich seitlich gegen eines der grauen Sitzpolster.
»Kommen Sie, ich helfe Ihnen auf.« Der gleiche starke Griff wie kurz zuvor auf dem Gang umklammert Nellys Oberarm. Mit einem energischen Ruck befördert der Fremde sie vom Boden hoch auf einen der Plätze. »Hier, nehmen Sie das.«
Ein Plastikbecher erscheint in Nellys Blickfeld. Dankbar nimmt sie ihn in ihre zitternde Hand und trinkt den Inhalt in einem Zug leer. Genau so muss man sich nach tagelanger Wanderung durch die Wüste fühlen, wenn endlich die heiß ersehnte Oase erreicht ist. Langsam füllt ihr Körper sich mit Leben, und Nelly richtet die Aufmerksamkeit auf ihren Retter. Braune Augen sehen ihr durch zwei runde Brillengläser besorgt entgegen.
»Ich bin Thomas, aber nennen Sie mich ruhig Tom. Schön, dass Sie wieder bei uns sind«, sagt er und sieht Nelly fragend an. »Noch ein Wasser?« Mit dem Finger deutet er auf eine Flasche in seinem Rucksack.
Dankbar nimmt Nelly das Angebot an. »Ja, bitte. Es tut mir wirklich leid, dass ich Ihnen so einfach vor die Füße gefallen bin. Keine Ahnung, wie das passieren konnte. Bis ich eingestiegen bin, habe ich nichts gemerkt. Plötzlich ist mir schlecht geworden und das war’s dann.« Fassungslos schüttelt sie den Kopf. »Ein Kreislauf-Kollaps wie aus dem Lehrbuch.«
Tom reicht ihr den aufgefüllten Becher und sieht zufrieden zu, wie sie auch diesen an die Lippen setzt und mit einem Schwung herunterstürzt. »Sie sind immer noch etwas blass um die Nase. Ist wirklich alles wieder in Ordnung?«
»Dad, das siehste doch«, kommt eine genervte Stimme vom Nachbarsitz. »Schließlich zieht die sich die Brühe schneller weg als ich ne Pulle Bier.« Der Schirm der schwarzen Baseballkappe hängt dem Jungen tief ins Gesicht. Seine Augen verschwinden vollständig darunter, sodass jede Kontaktaufnahme im Keim erstickt wird. Sein Blick ist stur nach unten gerichtet, und die Arme vor dem Kapuzen-Sweatshirt hat er in einer Art und Weise verschränkt, die Nelly sonst nur von bockigen Kleinkindern kennt. Gelangweilt kaut er auf einem Kaugummi herum. Die Haut seiner Wangen ist leicht gerötet und es sind vereinzelte Bartstoppeln erkennbar. Er dürfte 15, maximal 16 Jahre sein. Ein reizendes Alter!
Der zweite Junge schaut mit großen Augen zwischen ihm und Tom hin und her, dann senkt sich auch sein Blick – vermutlich, um dem aufziehenden Donnerwetter des Vaters zu entgehen. Hastig schiebt er die kleinen Kopfhörer in seine Ohren und wischt mit dem Zeigefinger über den Bildschirm des Smartphones.
Ein düsterer Ausdruck legt sich auf Toms Miene. Es ist unübersehbar, wie viel Selbstbeherrschung es ihn kostet, nicht die Nerven zu verlieren – sein Bedarf an pampigen Sprüchen scheint gedeckt.
»Reiß dich zusammen, Noah«, zischt er. »Die junge Frau hat einiges mitgemacht. Also versuche bitte, dem letzten bisschen Anstand in dir eine faire Chance zu geben, ja?«
»Mmh, jaja«, brummt Noah unbeeindruckt und fummelt die Kopfhörer ebenfalls unter dem Rand seiner Kappe hindurch. Auch er tippt auf seinem Smartphone herum, bis plötzlich quietschende Elektrogitarren in einer Lautstärke durch das kleine Abteil schallen, die normalerweise nur in einer Diskothek zu erwarten wären. Reflexartig schnellen Nellys Hände hoch und legen sich schützend über ihre Ohren. Die neugierigen Augenpaare vor den Schiebetüren, die sie nach ihrer Ohnmacht so indiskret angestarrt hatten, sind wie auf Kommando wieder zurück. Sensationslüstern drücken die Leute sich abermals ihre Nasen an der Scheibe platt, um bloß kein Stück der Szene zu verpassen.
»Es reicht!«, schreit Tom wütend gegen den Lärm an. Er reißt seinem Sohn das Gerät aus der Hand und drückt das Anschlusskabel vollständig in die Kopfhörerbuchse. Sofort verstummt die Musik und ist nur noch als gedämpftes Wummern wahrnehmbar. Wären Noah die Stöpsel dabei nicht aus den Ohren gerutscht, hätte er in diesem Moment wahrscheinlich seinen ersten Hörsturz erlitten. Vater und Sohn sehen sich an. Nelly hört die Luft zwischen den beiden förmlich knistern – Schweigen kann so laut sein.
Betont langsam gibt Tom Noah seine Sachen schließlich zurück. »Noch so eine Aktion und das Ding wird bis zum Jahresende einkassiert. Ist das klar?« Sein Tonfall ist ruhig und samtweich, könnte aber locker einen Eisbären vor Kälte zum Zähneklappern bringen. Ohne ein weiteres Wort stöpselt der Nachwuchs sich wieder zu. Mit leerem Blick starrt er unbeteiligt aus dem Fenster auf die vorbeifliegende nebelig-weiße Landschaft, ohne etwas von deren Schönheit mitzubekommen.
»Tut mir leid. Die Hormone machen gerade, was sie wollen«, sagt Tom entschuldigend an Nelly gewandt. Seine zusammengepressten Lippen zucken – in ihm brodelt es weiterhin gewaltig.
»Kein Problem«, antwortet Nelly mit einer wegwerfenden Handbewegung. »Machen Sie sich keine Gedanken.« Mit dem Kinn deutet sie auf die beiden pupertätsgebeutelten Teenager. »Und ich dachte, ich hätte Probleme.«
Ein schiefes Grinsen erscheint auf Toms Gesicht. »Tja, ist gerade keine leichte Zeit bei uns. Haben Sie Kinder?«
»Nein, noch nicht. Zu viel Arbeit, zu wenig Zeit«, antwortet Nelly achselzuckend. »Aber irgendwann bestimmt.«
Tom sieht sie prüfend an, sodass Nelly beinahe glaubt, er zweifle ihre Aussage an. Tom lehnt sich vor und berührt vorsichtig ihre rechte Schläfe. »Da ist eine ganz rote Stelle. Haben Sie sich gestoßen? Dabei habe ich Ihren Arm doch erwischt, bevor Sie gefallen sind.«
Nelly tastet nach dem Fleck, der bei Druck tatsächlich schmerzt. In diesem Augenblick schießt ihr ein anderer Gedanke durch den Kopf. Rote Stelle? Rot? Ihr Gepäck! Wo sind der Trolley und die rote Tasche? Mit einem Satz ist sie auf den Beinen. Hektisch reißt sie die Abteiltüren auf und drängt sich durch die Leute hindurch bis zum Fenster vor. Gott sei Dank! Da steht es, als wäre nie etwas passiert. Erleichtert schnappt Nelly sich den Griff des Trolleys und zieht ihn hinter sich her. Vor dem Eingang zum Abteil bleibt sie zögernd stehen.
»Ich glaube, ich sollte mich besser auf die Suche nach meinem eigenen Sitzplatz machen. Dieser hier ist sicher für jemand anderen reserviert.«
»Ja, ist er. Für meine Frau«, antwortet Tom. »Wir sind unterwegs zu meinen Schwiegereltern. Bei Julia ist allerdings ein kurzfristiger Geschäftstermin dazwischengekommen, deshalb kommt sie morgen nach.« Einladend klopft er auf die leere Sitzfläche. »Also los. Ihre Sachen können Sie hier an der Seite abstellen.«
»Okay, wenn es wirklich nichts ausmacht …« Umständlich zwängt Nelly sich zurück ins Abteil und kramt ihre Frühstücksbox aus der Tasche, während Tom ihr Gepäck mit dem provisorisch umwickelten Kofferband amüsiert betrachtet.
»Eine interessante Konstruktion. Sind Sie Architektin? Ihren Namen haben Sie mir übrigens auch noch nicht verraten.«
»Ich bin so ein Schussel!« Mit der flachen Hand schlägt sie sich leicht gegen die Stirn. »Mein Name ist Janelle. Janelle Morgan, aber alle nennen mich Nelly. Und was die Architektin angeht, …« Ihr Blick wandert hinunter zu dem zusammengeflickten Bauwerk. «… das wird in diesem Leben wohl nichts mehr. Damit würde ich wahrscheinlich nicht mal genug Geld verdienen, um unsere bettelnde Nachbarskatze durchzufüttern – geschweige denn mich selbst.«
Bei dem Gedanken ans Essen rumort es in ihrem Magen. Sie lässt sich neben Tom in die Sitzpolster sinken und nimmt einen herzhaften Bissen ihres Sandwichs. Obwohl der Eisbergsalat nun bereits seit Stunden zwischen den Toasthälften ausharren muss, knackt er immer noch zwischen den Zähnen, als wäre er gerade frisch zubereitet worden. Genüsslich schließt Nelly die Augen: Das tut vielleicht gut! Wann hat ein einfaches Frühstück jemals so köstlich geschmeckt?
»Um dem Hungertod zu entgehen, habe ich mich also für einen Beruf entschieden, der mir definitiv mehr liegt«, fährt Nelly fort. »Ich bin Ärztin.«
Erwartungsvoll sieht sie Tom an. Die Reaktion der Leute auf diese Tatsache fällt eigentlich immer ähnlich aus. Die meisten zeigen sich beeindruckt und wollen mehr über ihre Arbeit erfahren.
»Wow, das ist ja interessant!«, ruft Tom aus. »Ich habe noch nie eine Ärztin kennengelernt. Also, privat meine ich, ohne dass ich krank war. Was genau machen Sie denn?«
Lächelnd legt Nelly das restliche Essen in die Box zurück und spült die letzten Krümel mit einem Schluck Kakao aus ihrer Reise-Thermoskanne hinunter. Mit vollem Mund spricht man schließlich nicht, und ein paar erklärende Worte sind jetzt wohl angebracht. Es war schon unhöflich genug, sich nicht ordentlich vorzustellen.
»Zurzeit mache ich meinen Facharzt in der Orthopädie und Unfall-Chirurgie. Für das Grundstudium war ich sechs Jahre lang an der Uni in Heidelberg. Dann bin ich für die zwei Jahre chirurgische Basisweiterbildung nach Köln gezogen, und jetzt kommen weitere vier Jahre im Fachbereich dazu. Das ist auch der Grund, warum ich so kurz vor Weihnachten geschäftlich unterwegs bin. Ich habe nämlich ein Vorstellungsgespräch.«
Aufmerksam sieht Tom sie an. »Das hört sich nach richtig viel Stress an. Kein Wunder, dass für andere Sachen keine Zeit mehr bleibt. Wo ist das Vorstellungsgespräch denn?«
»Im Uniklinikum in Freiburg«, antwortet Nelly und stellt die Thermoskanne in die Halterung an ihrer Armlehne.
Noah und sein jüngerer Bruder sitzen immer noch nahezu bewegungslos auf ihren Sitzen und schieben stumpfsinnig die Köpfe vor und zurück. Wenn das den Takt der Musik darstellen soll, lässt das Niveau des Rhythmus‘ sehr zu wünschen übrig. Unweigerlich steigt das Bild der Hühner aus dem Bauernhofurlaub in Nelly auf. Die haben beim Gehen genau die gleichen Bewegungen gemacht. Das war 1999, also vor genau 15 Jahren. Damals war sie erst 13 gewesen. Bei dem Gedanken daran, wie unglaublich lang das alles schon her ist, zuckt Nelly unmerklich zusammen. Obwohl so viel Zeit vergangen ist, hat dieser letzte gemeinsame Familiensommer sich wie eine Tätowierung in ihre Erinnerung gebrannt. Energisch schüttelt sie ihre braunen Locken und versucht, sich wieder auf das Gespräch mit Tom zu konzentrieren. Der runzelt die Stirn.
»Haben Sie echt den falschen Zug genommen?«
»Den falschen Zug?« Nellys Augen weiten sich auf unnatürliche Größe. »Wie kommen Sie denn darauf?«
»Na, weil dieser hier direkt nach Stuttgart fährt. In Richtung Freiburg gibt es deutlich günstigere Verbindungen.«
»Ach so. Nein, nein«, erwidert sie mit einem erleichterten Seufzer. »Das Gespräch ist erst am Dienstag. Davor besuche ich eine alte Schulfreundin in Steinenbronn. Wir sind zusammen aufgewachsen und haben uns seit Ewigkeiten nicht mehr gesehen. Weil ich sowieso in der Nähe bin, drängt sich ein Besuch also förmlich auf.«
»Dann ist ja alles gut.« Verstohlen dreht Tom sich zur Seite und hält seine Hand vor den Mund. »Sorry, aber ich bin hundemüde. In den letzten Wochen habe ich nicht viel Schlaf bekommen – diese verdammten Nachtschichten. Aber das kennen Sie ja sicher auch.«
»Allerdings! Daran musste ich mich erst mal gewöhnen. Was machen Sie denn?«
»Ich bin bei der Polizei.«
Interessiert horcht Nelly auf. »Auch ein toller Beruf! Sie haben noch nie eine Ärztin kennengelernt und ich keinen Polizisten. Außerhalb von Verkehrskontrollen, meine ich. Legen Sie sich ruhig hin, wir sind schließlich noch ein bisschen unterwegs. Ich passe in der Zeit auf, dass ihre Jungs den Zug nicht in die Luft jagen.«
»Ehrlich? Ist das wirklich kein Problem?«
Auffordernd zwinkert Nelly ihm zu. »Nein, wirklich nicht. Na los: Augen zu!«
»Danke! Ich kann’s wirklich gebrauchen. Wecken Sie mich, wenn die beiden Mist machen, okay?« Zufrieden knautscht Tom eines der Kissen seitlich zwischen dem Fenster und der Rückenlehne seines Sitzes zurecht. Kurz darauf ist er auch schon eingeschlafen.

2

Samstag, 20. Dezember – am Nachmittag

Die Fahrt verläuft friedlich. Toms Söhne sind weiterhin in einer für Erwachsene offenbar unzugänglichen Parallelwelt gefangen; mehr als ein gelegentlicher Griff auf das Display, um ein neues Musikalbum anzustellen, ist von ihnen nicht zu erwarten. Nelly ist das ganz recht. Auch wenn sie grundsätzlich ein geselliger Typ ist, genießt sie die Stille in diesem Augenblick sehr. Ein bisschen Ruhe nach einem Kreislauf-Zusammenbruch hat noch niemandem geschadet.
Von den Leuten im Gang ist bei geschlossenen Türen kaum etwas zu hören, und das leise brummende Schlafgeräusch zu ihrer Linken hat eine beruhigende, beinahe schon hypnotische Wirkung. Die Ellenbogen auf den Knien abgestützt, sieht Nelly aus dem Zugfenster. Die Wetterlage hat sich verändert: Der matschige Schneeregen vom Kölner Hauptbahnhof ist dicken Flocken gewichen, die eng aneinandergedrängt vom Himmel rieseln. Alle Felder und Bäume sind vollständig von einer dünnen, weißen Decke überzogen und lassen endlich ein bisschen Vorweihnachtsfreude aufkommen. Wenn der Schnee in diesem Jahr tatsächlich zur richtigen Zeit liegen bleiben würde, wäre das eine nette Abwechslung. Meistens ist es erst im Februar oder März soweit, wenn Weihnachten längst vorbei ist und die Menschen sich auf den Kölner Straßenkarneval freuen. Nelly und ihre Kollegen allerdings weniger, da sie neben den ganzen Schnapsleichen dann zusätzlich unzählige Unterkühlungen behandeln müssen.
Nellys Aufmerksamkeit richtet sich auf den Himmel: Die dichte, graue Wolkendecke macht nicht den Eindruck, als wolle sie in absehbarer Zeit aufhören, weitere Flocken auf die Erde zu schicken. Hoffentlich macht das Wetter ihr keinen Strich durch die Reisepläne. Auf den Besuch bei ihrer Freundin Jazz freut sie sich seit Wochen, und spätestens an Heiligabend möchte sie bei ihrer Mutter in Weinsberg sein und dort gemeinsam mit ihr entspannte Festtage verbringen. Das erste Mal seit Jahren hat Nelly über Weihnachten keinen Dienst, und das muss bis zur letzten Sekunde ausgekostet werden. Wer weiß, wann sie wieder in den Genuss dieses Luxuszustands kommt. Von dem Vorstellungsgespräch im Freiburger Klinikum verspricht sie sich viel: Die dortigen Assistenzarzt-Stellen sind heiß begehrt und garantieren nicht nur eine Top-Ausbildung, sondern auch eine extra Portion Hektik. Nelly zieht einen Block und das schmale Etui mit ihrem Bleistift-Sortiment aus der Außentasche des Trolleys. Zeichnen ist neben der Medizin schon immer ihre zweite Leidenschaft gewesen und die einzig funktionierende Methode, um richtig abzuschalten. Mit leicht zur Seite geneigtem Kopf und gezücktem Stift betrachtet sie ihr Gegenüber. Die beiden Halbwüchsigen geben ein unverändert skurriles Bild ab. Unwillkürlich muss Nelly grinsen. Alle Jugendlichen gehen irgendwann durch eine für Erwachsene ziemlich befremdliche Phase. Der eine mehr, der andere weniger, und in diesem Fall sieht es nach mehr aus. Ihr Blick wandert weiter zu Tom, der friedlich schläft, wenn auch in fragwürdiger Haltung. Wie alt er wohl sein mag? Selbst bei entspannter Gesichtsmuskulatur überziehen feine Rillen seine Stirn, und in den Augenwinkeln haben sich bereits einige Lachfältchen eingegerbt. Nelly schätzt ihn auf Mitte 40. Also war er, als sein erstes Kind zur Welt kam, ungefähr in dem gleichen Alter, in dem sie selbst jetzt ist. Ob sie auch irgendwann heiraten und Kinder haben wird? Nachdenklich streicht Nelly sich eine Haarsträhne hinters Ohr und starrt hinunter auf das leere Blatt Papier. Von »Torschlusspanik« ist sie mit Ende 20 zwar weit entfernt, trotzdem hätte sie nichts dagegen, wenn der richtige Mann sich langsam bemerkbar machen würde. Ihre bisherigen Bekanntschaften waren, zumindest was die Familienplanung angeht, leider völlige Fehlgriffe. Mit keinem hätte sie sich auch nur ansatzweise vorstellen können, den Rest ihres Lebens zu verbringen. Verwunderlich ist das nicht, denn die Auswahl an potentiellen Liebhabern in ihrem Business ist überschaubar: Objektiv betrachtet, beschränkt der in Frage kommende Personenkreis sich auf Arztkollegen, Pfleger, Sanitäter und Patienten, wobei Letzteres aus nachvollziehbaren Gründen eher unprofessionell anmuten würde. Weder OP-Tisch noch Krankenbett haben das Potential für erotische Spannungen.
Eine große Partygängerin ist sie nie gewesen, und da zu Hause niemand auf ihre Rückkehr wartet, verbringt sie die meiste Zeit im Krankenhaus. Wäre der wöchentliche Einkauf nicht, würde der Kontakt zu Menschen abseits der Klinik quasi gegen null tendieren. Aber auch im Supermarkt ist die Chance, jemanden kennenzulernen, verschwindend gering. Meistens jagt sie dermaßen schnell durch die Gänge, dass selbst die Lebensmittel Schwierigkeiten haben, den rasanten Wechsel zwischen Verkaufsregal und heimatlichem Kühlschrank zu verdauen. Und außerdem: Wer lernt den Vater seiner Kinder schon beim Einkaufen kennen?
Aus Nellys Tasche ragt der Zipfel einer Tüte Weihnachtsplätzchen, die sie am Tag zuvor beim Bäcker erstanden hat. Für selbst gemachtes Gebäck hat die Zeit nicht ausgereicht. Erwartungsvoll fischt sie ein Rentier am Geweih aus dem Beutel heraus. Ihr Finger fährt über die feinen Schokoladenlinien, bevor sie es sich genüsslich in den Mund schiebt. Das Gefühl, dabei beobachtet zu werden, trügt nicht, denn als sie den Kopf anhebt, blicken ihr zwei gierige Augenpaare entgegen. Es gibt also doch etwas, dass die Jungs aus ihrer Lethargie reißen kann. Kommentarlos reicht Nelly ihnen die knisternde Zellophantüte hinüber. Ebenso kommentarlos greifen Noah und sein Bruder beherzt hinein und schaufeln sich die liebevoll geformten Kekse in den Mund. Wenigstens kann Nelly zwischen den Bissen ein genuscheltes »Danke« identifizieren. Kauend legt sie ihre Zeichenutensilien beiseite, klemmt sich die Tüte zwischen die Beine und nimmt ihr Computer-Tablet zur Hand. Inzwischen macht das Wetter ihr ernsthaft Sorgen: Draußen wird es immer dunkler, und die Landschaft ist durch das dichte Schneegestöber kaum noch erkennbar. Ungeduldig sieht Nelly zwischen dem einzelnen Empfangsbalken in der Ecke des Tablet-Displays und des sich in der Mitte drehenden Wartesymbols hin und her.
»Los jetzt! Wo bleibt die Verbindung?«, murmelt sie vor sich hin und hält das Gerät hoch in die Luft. Tatsächlich baut die Seite sich langsam auf, allerdings ist das Ergebnis mehr als ernüchternd. Je weiter es Richtung Süden geht, desto ungemütlicher wird die Wettervorhersage – sogar Schneestürme sollen demnach möglich sein, und bis zu ihrer Freundin Jazz muss Nelly zweimal umsteigen. Eigentlich eine Sache von einer guten halben Stunde, aber unter diesen Bedingungen wird es bestimmt doppelt so lange dauern.
»Wie weit sind wir?«, unterbricht eine schläfrige Stimme ihre Gedanken. Tom reibt sich über die Augen und blinzelt mit vorgehaltener Hand gegen die künstliche Beleuchtung an. »Haben die Jungs sich benommen?«
»Absolut vorbildlich«, antwortet Nelly und hält ihm den Keksbeutel entgegen. »Es ist nicht mehr weit, in einer Viertelstunde müssten wir da sein.«

Schweren Herzens tauscht Nelly kurze Zeit später das warme Zugabteil gegen den eiskalten Bahnsteig aus. Der Wind pfeift erbarmungslos durch die offene Halle, und ein Blick auf die Anzeigetafel bestätigt Nellys Befürchtung: Einige Anschlusszüge sind bereits gestrichen worden. Fröstelnd zieht sie ihren Mantel zu und stellt den Kragen hoch. Die durchdringende Kälte des Bodens gräbt sich durch die Schuhsohlen, als wären sie aus Butterbrotpapier, und ihre Ohren sind trotz der dicken Locken innerhalb von Sekunden beinahe tiefgefroren. Mütze und Schal sind irgendwo in den Untiefen des Trolleys vergraben. Laut Jazz sind es bis zur S-Bahn-Station nur ein paar Schritte, trotzdem nestelt Nelly entschlossen an den Kofferverschlüssen und sucht nach den wärmenden Stricksachen. Die Witterung in Köln war schon unangenehm, aber kein Vergleich mit dem, was sich ihr hier präsentiert.
»Noah, hol mal einen Kofferkarren«, ruft Tom seinem Sohn zu und fährt dann an Nelly gewandt fort: »Sie können ihr Gepäck mit bei uns draufpacken. Wahrscheinlich fahren Sie mit der S2 oder S3 weiter, richtig?«
Nelly nickt. »Sie kennen sich gut aus.«
»Wir sind seit über 15 Jahren drei bis vier Mal im Jahr hier. Im August sind die direkten Abgänge zur S-Bahn wegen Bauarbeiten geschlossen worden. Sie müssen also durch den Nordausgang in die Klettpassage, von da aus geht’s runter. Mein Schwiegervater sammelt uns am Taxistand ein, bis dahin können wir gerne zusammen gehen.«
Dankbar nimmt Nelly das Angebot an. Die Vorstellung, dass sie gleich wieder auf sich allein gestellt ist, gefällt ihr überhaupt nicht. Es ist ein schönes Gefühl, einmal nicht diejenige zu sein, die alles selbst organisieren muss – daran könnte Nelly sich glatt gewöhnen. Endlich taucht das Ende ihres weinroten Wollschals zwischen Shirts, Socken und Hosen auf. Sie schnappt danach und zieht den langen Schlauch heraus, ehe er wieder in der Versenkung verschwinden kann. Schnell wickelt sie ihn um ihren Hals und stülpt die passende Mütze über.
Mit dem großen Gepäckwagen kämpfen sie sich durch die drängelnden Reisenden. Es ist erst Viertel nach fünf, aber am Ausgang empfängt sie eine Dunkelheit, als wäre es bereits Mitternacht. Zudem tobt dort draußen ein Schneetreiben, wie Nelly es nie zuvor gesehen hat. Die Flocken tanzen so eng, dass sie beinahe ineinander verschmelzen. Ihre halbhohen Stiefel versinken im Nu in der weißen Masse, und sie muss entsetzt feststellen, dass die handgefertigten Designerstücke für eine 15 cm hohe Schneedecke noch ungeeigneter sind als für den eiskalten Steinboden auf dem Bahnsteig. Eigentlich legt Nelly keinen Wert auf teure Kleidung, und ihre Füße stecken die meiste Zeit über ohnehin in weißen Holzpantoffeln. Nur an diesen braunen Stiefeletten hatte sie nicht vorbeigehen können – der erste und bisher einzige sündhaft teure Kauf in ihrem Leben, der gerade auf dem besten Weg ist, irreparable Schäden davonzutragen. Warum hat sie bloß kein wetterfestes Schuhwerk angezogen? Verärgert starrt sie auf die dunklen Ringe hinunter, die sich auf der Oberfläche bilden.
»Da drüben ist die Passage. Schaffen Sie es bis dahin?«
»Klar, kein Problem«, antwortet Nelly überzeugter als ihr in Wirklichkeit zumute ist. Prüfend rüttelt sie an ihrer wiederhergestellten Kofferkonstruktion, während Tom in seiner Jackentasche kramt und schließlich einen länglichen Gegenstand zu Tage befördert.
»Hier, das ist für Sie. Kommen Sie heil bei Ihrer Freundin an.«
Nelly dreht die silberne Dose mit dem Logo der Polizeistation Esens in ihrer Handfläche hin und her. An der Oberseite ist eine kleine Düse angebracht, und seitlich baumelt eine Minilampe am Kettchen. Neugierig drückt sie auf den Knopf, und ein heller LED-Ring leuchtet auf.
»In der Dose ist CS-Gas. Das sollte jede Frau griffbereit haben, wenn Sie mich fragen. Es treiben sich nicht nur so nette Kerle wie ich auf den Straßen rum.« Ein fröhliches Zwinkern zuckt um Toms Augen, das Nelly unwillkürlich zum Lächeln bringt. Hätte sie geahnt, wie recht er damit haben sollte, wäre sie ihm vor lauter Dankbarkeit auf der Stelle um den Hals gefallen.
Tom sieht hinüber zum Taxistand vor dem Bahnhofsgebäude. Anstelle der zu erwartenden Taxen, steht dort ein schwarzer Wagen und lässt seine Lichthupe zum wiederholten Male ungeduldig aufflackern. »Ich fürchte, wir müssen los«, sagt er bedauernd. »Machen Sie es gut, Nelly. Und ein frohes Fest!« Mit diesen Worten stellt er den Kofferkarren ab und wirft seine Reisetasche über die Schulter.
»Danke für die Hilfe, und Ihnen auch ein frohes Weihnachtsfest!«, ruft Nelly ihm hinterher und sieht zu, wie er das Gepäck verstaut und zum Abschied die Hand hebt. Dann verschwindet er im Innenraum des Autos. Kaum sind die Türen geschlossen, heult ein Motor auf und der Kombi entfernt sich mitsamt seiner Ladung Meter für Meter weiter von ihr. Als er schließlich um die Ecke biegt, breitet sich eine seltsame Leere in Nelly aus. Obwohl sie die Familie genau genommen gar nicht kennt und die Jungs nicht gerade durch ihre überschwängliche Höflichkeit herausstechen, erfüllt Verlust und Einsamkeit ihr Herz. Die glänzende Dose liegt immer noch wie ein wertvoller Schatz fest umschlossen in ihrer Hand. Was ist nur los mit ihr? Melancholische Gedanken sind sonst gar nicht ihre Art. Ob die Sehnsucht nach einem Partner, der ihr in allen Lebenslagen zur Seite steht, doch größer ist, als sie sich eingesteht? Eine Windböe wirbelt durch Nellys Haar und stößt so stark gegen ihren Rücken, dass sie beinahe das Gleichgewicht verliert. Zumindest sind die düsteren Gedanken damit vorerst verdrängt – und das ist gut so. Denn wenn sie an diesem Abend heil und möglichst ohne Lungenentzündung ans Ziel kommen will, sollte sie sich jetzt besser auf den Weg machen.

3

Samstag, 20. Dezember – am frühen Abend

Erleichtert lässt Nelly sich auf einen der freien S-Bahn-Sitze fallen. Und davon gibt es viele. Sehr viele. Offenbar hatte der Verkehr über eine Stunde lang brach gelegen, und dann waren direkt zwei Bahnen hintereinandergekommen. Natürlich hatten sich alle Wartenden mit Gewalt in die Erste hineingequetscht – wie es den menschlichen Instinkten eben entspricht. Als Nelly ihr Gepäck endlich vollständig auf den Bahnsteig gewuchtet hatte, waren davon allerdings nur noch die Rücklichter und die eng aneinander gedrängten Leiber in den hell beleuchteten Waggons erkennbar. Sie selbst hatte weiterhin in der Kälte gestanden, sich den Kopf verzweifelt über einen Plan B zerbrochen, und gegen ihre sonstigen Gewohnheiten geflucht wie ein Bauarbeiter. Die Vorstellung, wie ihre Mum sich bei diesem Anblick die Haare raufen und all ihre Erziehungsmethoden in Frage stellen würde, hat sie jedoch sofort wieder verstummen lassen. Gerade als Nelly sich auf den Rückweg zum Taxistand machen wollte, war unverhofft die zweite S-Bahn auf dem Gleis eingefahren. Mit Toms warnenden Worten vor zwielichtigen Gestalten im Hinterkopf, hat sie sich vorsichtshalber für einen Platz ganz vorne, hinter der Tür des Schaffners entschieden. Sicher ist sicher. Nelly sieht sich um. Die anderen Fahrgäste kann sie quasi an einer Hand abzählen, außerdem ist das Abteil hoffnungslos überhitzt. Unter anderen Umständen hätte diese trockene Heizungsluft sie wahrscheinlich gestört, aber jetzt kommt sie ihr gerade recht – raus in die Kälte wird es früh genug wieder gehen. Doch mit der Wärme kehrt nicht nur das Gefühl zurück in ihre verfrorenen Gliedmaßen, auch eine bleierne Müdigkeit breitet sich aus, und Nellys Augen werden schwer.
Sie holt einen MP3-Player aus der Tasche und klappt ihre schmalen Kopfhörer auseinander. Die Kombination aus ruhiger Musik und dem monotonen Ruckeln der Bahn hat eine einschläfernde Wirkung. Ihre Gedanken schweifen ab zu Jazz, die sicher schon auf die Straße hinuntersieht und ungeduldig wartet. Sollte der Anschlussbus wie geplant fahren, wird sie in einer guten halben Stunde dort sein und den Rest des Abends gemeinsam mit ihrer Freundin und einem guten Glas Wein auf dem Sofa verbringen. Sie werden in Erinnerungen an ihre Jugendzeit schwelgen und dabei die Köstlichkeiten von Jazz‘ legendären Kochkünsten genießen. Allein bei dem Gedanken daran gibt Nellys Magen ein leises Knurren von sich.

Ein heftiger Ruck reißt sie mitleidslos aus den wohligen Träumen.

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