Das Hexenbrett – Leseprobe2017-08-14T18:13:51+00:00
Zurück zur Übersicht

Leseprobe

Das Hexenbrett – Kurzgeschichte (Psychothriller) by Ted McRied

Das Hexenbrett – Thriller / Psychothriller Kurzgeschichte by Ted McRied

Bereit für eine Leseprobe? Dann mach’s Dir gemütlich, lehn Dich zurück und wirf einen Blick in die tiefen Abgründe der menschlichen Seele.

1

»Bist du dir wirklich sicher, dass wir hier richtig sind?« Kristin betrachtet die aufsteigenden Staubwolken der unbefestigten Schotterstraße durch das halb geöffnete Seitenfenster. »Wir fahren schon seit mindestens einer Viertelstunde durch diese Einöde und jeder Busch sieht aus wie der andere.«
..»Sie hat recht«, stimmt Lukas zu. Er wischt sich mit dem Handrücken den Schweiß von der Stirn und wirft einen besorgten Blick auf seinen in die Jahre gekommenen Fiesta. »Mein Kleiner wird die Tour nicht überleben, wenn das noch lange so weiter geht.« Beinahe liebevoll streicht er über die abgewetzte Lederverkleidung des Lenkrads. »Das ist schließlich kein Geländewagen, und die Aussicht, mit dem Abschleppdienst nach Hause zu fahren, macht mich ehrlich gesagt etwas nervös.«
..Von der Rückbank aus erscheint Philipps Kopf zwischen den Lehnen der Vordersitze. »Mann, seid ihr zwei Spaßbremsen! Vertraut mir mal ein bisschen! Ich bin in der Gegend aufgewachsen und kenne mich besser aus als jeder andere. Da hinten rechts kommt gleich der Eingang. Also jammert nicht, sondern haltet lieber die Augen auf!«
..Sonja sieht ihren Freund von der Seite an. »In dieser Wildnis bist du also aufgewachsen, ja? Das erklärt allerdings einiges …«
..Bevor sie den Hauch einer Chance hat zu reagieren, zwickt Philipp ihr kräftig in den nackten Oberschenkel.
..»Au! Sag mal, spinnst du?« Ärgerlich reibt Sonja über die rote Stelle auf ihrer Haut.
..»Dann erzähl nicht so’n Scheiß. Natürlich komme ich nicht hier her, sondern aus der Stadt, zu der die Heide gehört – ist doch wohl klar!«
..Kopfschüttelnd dreht Kristin sich zu ihren Freunden herum. »Jetzt hört auf zu streiten, das ist ja unerträglich! Guckt mal dahinten – ich glaube, wir sind da!«
..Der Wagen kommt knatternd neben einem hölzernen Torbogen zum Stehen. Das verwitterte Schild mit der Aufschrift »Liegnitzer Heide« baumelt halb in der Luft, und die aus dem Brett herausragenden rostigen Nägel sprechen dafür, dass die Verantwortlichen der Anlage nicht allzu viel von Instandsetzung halten. Lukas steigt als Erster aus und streckt sich ausgiebig.
..»Tun mir die Knochen weh! Wisst ihr, was ich heute noch mache?« Ohne eine Antwort abzuwarten, fährt er fort. »Ich haue mich ins Gras und verdrücke ein paar Grillwürstchen, das war’s.«
..Kristin streicht über seinen Nacken und drückt ihm einen Kuss auf die Lippen. »Das muss leider warten, Süßer. Zuerst müssen wir den Zeltplatz finden, also schnappt euch die Rucksäcke. Ich habe nämlich keine Lust, mitten in der Pampa zu sitzen, wenn es dunkel wird. Noch nicht mal so ein kleines Bisschen.« Mit Daumen und Zeigefinger deutet sie einen winzigen Spalt an.
..»Ich auch nicht«, pflichtet Sonja ihr bei. »Dann los! Obwohl ich mir nicht vorstellen kann, dass hier irgendwo ein Campingplatz sein soll. Die ganze Zeit über ist uns niemand entgegengekommen und nach einem offiziellen Parkplatz sieht das auch nicht aus. Lukas‘ Karre ist das einzige Auto.«
..Drei Augenpaare richten sich auf Philipp. Beschwichtigend hebt er die Hände. »Ist ja gut, ihr habt mich erwischt. Wir sind an einem Nebeneingang, das Haupttor liegt auf der anderen Seite. Über den Weg kommen wir aber genauso ans Ziel und außer-dem ist es viel spannender. Früher haben wir doch auch kein Abenteuer ausgelassen.«
..Sonja zieht die Nase kraus. »Früher!« Sie spuckt das Wort aus, als wäre es ein faules Stück Apfel. »Es hat sich viel geändert, mein Lieber – nichts ist mehr so wie damals.« Die Spitze ihres Turnschuhs schabt über den erdigen Untergrund. Schließlich zuckt sie mit den Schultern. »Meinetwegen lass uns gehen. Wir haben ja keine Wahl. Zurück fahre ich die ganze Strecke heute bestimmt nicht mehr.«
..»Das würde dir auch nicht bekommen«, stichelt Philipp. Breit grinsend sieht er seine Freundin an. »Du bist jetzt schon so weiß wie dein Shirt. Wo ist deine Gesichtsfarbe geblieben? Unterwegs verloren oder zu Hause vergessen?«
..»Was soll die blöde Frage? Du weißt genau, dass mir hinten im Auto immer kotzübel wird und das Geschaukel von eben hat es nicht gerade besser gemacht.«
..»Also, ich habe kein gutes Gefühl bei der Sache«, wirft Kristin ein. »Hier ist es so einsam und keiner von uns hat eine Ahnung, wo wir überhaupt sind. Vielleicht sollten wir doch besser umkehren und den Haupteingang suchen.«
..Philipp verdreht die Augen. »Bist du eine Schisserin geworden, Krissy! Was soll denn passieren? Kommt jetzt, sonst ist es wirklich dunkel, bis wir da sind.«
..Trotz der Aufforderung bewegt Kristin sich nicht von der Stelle.
..»Du brauchst keine Angst zu haben, Süße«, sagt Lukas. Fürsorglich legt er ihr seinen Arm um die Taille. »Ich bleibe die ganze Zeit bei dir und gelobe feierlich, dich vor wilden Tieren, Schlangen, Werwölfen, Vampiren und sogar vor Philipp zu beschützen, wenn es nötig ist.«
..»Sehr witzig«, brummt Philipp, während er sich seinen Rucksack über die Schulter schwingt. »Was ist jetzt? Können wir endlich?«
..Widerwillig löst Kristin sich aus Lukas‘ Umarmung. »Dann aber schnell, bevor ich es mir anders überlege.« Mit strammen Schritten geht sie auf den Trampelpfad zu, doch auch der selbstbewusste Gang kann über ihr flatterndes Herz nicht hinwegtäuschen.
..Rechts und links entlang des Pfades wuchern dichte Sträucher und bilden eine nahezu geschlossene Gasse. Es ist Mitte September. Die Sonne steht tief, brennt aber immer noch erbarmungslos vom wolkenfreien Himmel und verwandelt den schmalen Weg in einen aufgeheizten Backofen.
..»Wartet kurz. Ich muss mal!«, ruft Sonja keine fünf Minuten später. Schnaufend setzt sie ihr Gepäck ab und schlägt sich in die Büsche.
..»Bei dem Tempo kommen wir nie an«, knurrt Philipp. Er denkt gar nicht daran anzuhalten. Unbeirrt stapft er weiter, während die anderen stehenbleiben. Sonja öffnet ihre Shorts und hockt sich hin. Sie sieht an sich herunter und hofft inständig, dass das ganze Viehzeug am Boden ihr nicht in die Schuhe oder sonst wohin krabbelt. Ohne das Gras und Gestrüpp nur für eine Sekunde aus den Augen zu lassen, stützt sie sich mit den Armen ab. Hinter ihr raschelt etwas. Sind das Schritte, die sich da auf sie zubewegen? Wer oder was auch immer hinter ihr herumschleicht, ist vorsichtig – bemüht leise, um ja nicht entdeckt zu werden. Trotz der Schwüle bildet sich eine leichte Gänsehaut auf ihren Beinen.

Zurück zur Übersicht
[newsletter2go]