Drei Wünsche – Leseprobe2017-06-22T21:35:06+00:00
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Leseprobe

Drei Wünsche – Psychothriller by Ted McRied

Drei Wünsche – Thriller / Psychothriller by Ted McRied

1

Manche Tage sollte es besser nicht geben. Dieser ist einer davon. Lautstark fällt die Tür zum Waschraum hinter Olivia ins Schloss. Mit beiden Armen stützt sie sich seitlich neben dem Waschbecken ab und starrt mit zusammengepressten Lippen auf die Granitablage. So lange hat sie auf diesen Job hingearbeitet, so lange alles andere dafür zurückgestellt. In unzähligen Nächten waren Absatzzahlen und Marketingpräsentationen die einzigen Liebhaber, die den Weg in ihr Bett fanden. Wie viele spitze Kommentare hat sie sich in den letzten Monaten verkniffen, wie oft gelächelt, obwohl ihr nicht danach zumute gewesen ist. Alles umsonst! Nutzlos und überflüssig wie das nimmermüde Orchester beim Untergang der Titanic. Und das, obwohl es sie jedes Mal enorme Selbstbeherrschung kostet, ihrem Gegenüber seine Unfähigkeit nicht mitten ins Gesicht zu schreien. Wozu jedes Wort in Geschenkpapier verpacken und mit Schleifchen versehen? Ihr Chef wäre mit seiner miesen Menschenkenntnis überall besser aufgehoben als an der Führungsspitze eines internationalen Kosmetikunternehmens. So ist es nun mal – eine unumstößliche Tatsache. Und heute ist sie kurz davor gewesen, ihm genau das zu sagen. Diplomatie hat eben noch nie zu ihren Stärken gehört.
..Olivia dreht den Hahn auf und lässt das frische Wasser durch die Finger rinnen. Mit den abgekühlten Handflächen umfasst sie ihren Nacken, bis die feinen Härchen ihrer Unterarme sich aufstellen. Die Schlagader unter der hellen Haut ihres Halses pulsiert in höchster Aufregung und hektische Flecke stören das ebenmäßige Bild. Wie hat ihr Vater diesen »Schwanenhals« früher geliebt! Nie ist er müde geworden Olivia zu versichern, dass sie die Schöne und Gescheite in der Familie sei. Dass ihr eines Tages die Welt zu Füßen liegen würde und sie alles haben könne, was sie sich erträumt. Von ihr erhoffte er sich Großes – von ihrer Schwester Liz dagegen nicht. Anerkennung und beruflicher Erfolg waren ihr egal und diesem unterentwickelten Ehrgeiz stand er seit jeher verständnislos gegenüber. Olivia wollte er ganz oben sehen, doch das war ihm nicht vergönnt. Erstens, weil sie seine hohen Erwartungen trotz aller Mühen nicht einmal ansatzweise erfüllen konnte, und zweitens, weil es ihn vor gut fünf Jahren dahingerafft hat. Und nun scheitert Olivia am Aufstieg zur Ressortspitze. Wäre der Krebs nicht schneller gewesen, hätte ihren Vater spätestens diese Erkenntnis unter die Erde gebracht. Wie sehr hätte er sich heute für sie geschämt!
..Langsam umschließen Olivias Hände die Stränge ihres zarten Halses. Allein der Gedanke an sein enttäuschtes Gesicht lässt ihren Magen zu einem harten Klumpen zusammenschrumpfen. Ihre Daumen bohren sich in die weiche Kuhle unterhalb des Kehlkopfes und schnüren die eigene Luftzufuhr ab. Fasziniert beobachtet Olivia, wie sich die blassen Poren ihres Gesichts mit Blut füllen und schließlich nahtlos mit den roten Flecken verschwimmen. Schwindel flutet ihren Kopf und der Herzschlag rauscht wie Meeresgischt in ihren Ohren. Ruckartig löst Olivia den Würgegriff und der dringend nötige Sauerstoff schießt zurück in ihren Körper. Gierig saugt sie die Luft in ihre Lunge, wobei ein röchelndes Geräusch entsteht, das an den letzten Atemzug ihres alten Herrn erinnert. Abrupt wendet sie sich vom Spiegel ab, aber das ungebetene Bild ihres dahinsiechenden Vaters bleibt bestehen. Olivia seufzt. Zumindest hat sie damals die Hälfte seines Vermögens eingestrichen, und das ist weiß Gott nicht wenig gewesen. Der zweite Anteil ging an ihre Schwester, die nichts Besseres zu tun hatte, als den Großteil davon in eines ihrer Hilfsprojekte zu stecken.
..Obwohl es sie selbst nicht betrifft, kann Olivia den abfälligen Blick ihres Vaters förmlich spüren. Wie ein Stachel bohrt er sich in ihr Genick. Sicher sitzt er Tag und Nacht auf seiner Wolke, die Beine akkurat übereinandergeschlagen, und analysiert jede einzelne Bewegung seiner Töchter. Olivia stockt. Robert Davis auf einer Wolke im Himmel? Was für ein abwegiger Gedanke! Ein schrilles Kichern entschlüpft ihrer Kehle und hallt unangenehm durch den gekachelten Raum. Bilder von schreienden Menschen jagen an ihr vorbei, gefangen in der Unendlichkeit von Feuer, Leid und Schmerz. »Ja, da gehörst du hin«, flüstert sie. »Direkt in die erste Reihe – eine Leitfigur bis in die Ewigkeit.«
..Selbst auf dem Sterbebett hat er seinen Kontrollzwang nicht ablegen können und mit letzter Kraft den eigenen Nachruf verfasst. Auch im Angesicht des Todes war sein Verhalten durchtränkt von Selbstgefälligkeit und Arroganz. Olivia veröffentlichte seine Zeilen nie, sondern reduzierte sie auf die nackte Faktenlage: »Am 28. Mai 2010 ist Robert Davis von uns gegangen«, stand in der schnörkellosen Traueranzeige geschrieben. »Von Beileidsbekundungen am Grab bitten wir abzusehen.« Liz‘ Verhältnis zu ihrem Vater war anders, jedoch keinesfalls besser. Mit dieser finalen Retourkutsche war sie trotzdem nicht einverstanden, davon abhalten konnte sie Olivia letztendlich aber nicht.
..Mittlerweile steht die Sonne hoch am Himmel und schickt ihre Strahlen durch die leicht getönten Fenster in den fünften Stock des Vinina-Cosmetic-Towers im Herzen von London. Für einen Tag im September ist es deutlich zu warm. Schon früh am Morgen, auf dem Weg zur Arbeit, hat die Hitze schwer in der Luft gelegen. Zu diesem Zeitpunkt hat Olivia diese eher beflügelnd als erstickend empfunden, doch nun steht kalter Schweiß auf ihrer Stirn und befeuchtet die Spitzen des präzise geschnittenen Ponys. Trotz Klimaanlage sucht sich die Feuchtigkeit einen Weg durch den Stoff ihrer dünnen Seidenbluse und hinterlässt dunkle Ränder unter den Achseln. Die Übergabe der Ressortleitung an Steven Masterson hat Olivia hart getroffen, keine Frage. Aber muss ihr Körper diese Tatsache derart öffentlich zur Schau stellen? Energisch strafft sie die Schultern und streicht den knielangen Rock glatt. Rote Abdrücke prangen unübersehbar auf ihrem Hals und lassen das intime Zwiegespräch mit sich selbst für jeden sichtbar werden. Sie zieht ein Trockentuch aus dem Kasten über dem Waschbecken und presst es auf die verräterischen Stellen, um sie notdürftig abzudecken. In ihrem Büro liegt ein leichter Sommerschal in der Schreibtischschublade, direkt neben den Zigaretten und Schmerztabletten – bis dahin muss sie es ungesehen schaffen. Die Entscheidung, welches dieser Dinge sie gerade am dringendsten braucht, fällt schwer. Alle erscheinen ihr in diesem Augenblick überlebensnotwendig.
..»Zur Hölle mit dir, Liv«, ruft sie sich selbst zur Ordnung. »Das letzte Mal, dass du dich nicht aus dem Waschraum getraut hast, ist 20 Jahre her. Du bist auf keiner verfluchten Teenagerparty, also reiß dich zusammen!« Durch den schmalen Türspalt späht sie auf den Flur hinaus. Abgesehen von den hochwertig gerahmten Kunstwerken an den Wänden ist sie allein. Mit halb gesenkten Lidern betrachtet Olivia die bunten Striche, die sich ohne erkennbare Ordnung über die Bilder ziehen. Wie viel Kohle mag für diesen Schund über den Ladentisch gegangen sein?
..Ein lautes Klappern unterbricht ihre Überlegung. An der Ecke erscheint ein Wagen: Vollbeladen mit Reinigungsmitteln, Eimern und einem Besen drängt er sich immer weiter in ihr Sichtfeld. »Wischblitz« steht in großen Lettern auf der Frontseite. Dass dieser Wagen nicht führerlos durch die Flure fährt, offenbart sich erst, als er auf Olivias Höhe angekommen ist. Die Frau, die ihn schiebt, hat höchstens die Größe einer Grundschülerin und verschwindet komplett hinter einem Berg übereinandergestapelter Tücher. Direkt vor dem Toilettenraum bleibt sie stehen. Ungeniert starrt sie Olivia an.
..»Was gucken Sie so? Gehen Sie lieber an die Arbeit.« Aufmerksamkeit ist wirklich das Letzte, was Olivia jetzt braucht.
..»Das tue ich bereits«, antwortet die Reinigungskraft, ohne sie dabei aus den Augen zu lassen.
..»Sie sind neu«, stellt Olivia fest. »Ich habe Sie hier noch nie gesehen.«
..Die Frau nickt, rührt sich jedoch nicht von der Stelle. Wo nimmt diese Person nur ihre unverschämte Gelassenheit her?
..»Dann seien Sie sicher, dass das heute Ihr erster und letzter Arbeitstag bei uns ist«, zischt Olivia durch die halb geöffnete Tür. »Ich werde mich über Sie beschweren!«
..Die Frau lächelt und setzt sich wieder in Bewegung. »Machen Sie das, Miss Davis. Machen Sie das nur …«, murmelt sie, als wäre diese klar formulierte Drohung nicht aus dem Mund einer gestandenen Geschäftsfrau, sondern aus dem eines Kindes gekommen.
..Von Wut beflügelt reißt Olivia die Tür des Waschraums bis zum Anschlag auf. Sie überholt die Kleinwüchsige mit schnellen Schritten und stellt sich ihr in den Weg. »Woher kennen Sie überhaupt meinen Namen?«
..Die Reinigungskraft legt ihren Kopf in den Nacken und schaut zu Olivia auf. »Wer kennt den nicht?«
..»Was soll das heißen?«
..»Nichts weiter. Die Leute in der Firma reden.«
..»Worüber?«
..»Über Sie.«
..»Und was reden die Leute über mich?«
..»Das müssen Sie schon selbst herausfinden.«
..Olivia schürzt die Lippen. Der Gesprächsverlauf gefällt ihr nicht, diese Frau will sie wohl für dumm verkaufen. Aber nicht mit ihr! Ohne ein weiteres Wort wendet sie sich ab und stolziert den Gang hinunter, an dessen Ende ihr Büro liegt. Kaum dort angekommen, hat sie die befremdliche Begegnung bereits abgehakt – für unwichtige Menschen ist Olivia ihre Zeit schon immer zu schade gewesen.
..Ihre Gedanken kehren zu Steven zurück. Auch wenn er ebenfalls in die Kategorie »Bedeutungslos« fällt, bleibt ihr nichts anderes übrig, als sich mit ihm auseinanderzusetzen. Es wäre doch gelacht, wenn sie sich von dem heutigen Rückschlag unterkriegen lassen würde. Sie muss klarstellen, dass Steven nicht die richtige Person für diesen wichtigen Posten ist. Irgendeinen Schwachpunkt hat jeder, sie muss ihn nur finden und schonungslos ins Rampenlicht zerren. Seine Beförderung ist ein Fehler gewesen, davon wird sie den Vorstand überzeugen. Ein Fehler, der sich mit ihrer Hilfe problemlos korrigieren ließe.
..»Olivia Davis!« Beim Klang der spöttischen Stimme in ihrem Rücken, befällt Olivia eine leichte Gänsehaut. Sie schließt die Augen, zählt innerlich bis drei und dreht sich dann mit einem strahlenden Lächeln um.
..»Steven!« Sie geht auf ihn zu, das Papiertuch immer noch auf die Flecken an ihrem Hals gepresst. »Ich freue mich für dich! Deine Beförderung kam zwar überraschend, aber du hast es wirklich verdient.« Vertraulich legt sie ihm eine Hand auf den Oberarm. »Vielleicht stoßen wir die Tage mal drauf an, was meinst du?«
..Steven blinzelt auf seine Konkurrentin hinab. Mit einer Körpergröße von gut sechseinhalb Fuß überragt er die anderen Mitarbeiter der Vinina-Holding problemlos und diese Tatsache ist Tag für Tag zusätzliches Wasser auf die Mühlen seines unerträglichen Hochmuts. Kühle blaue Augen durchbohren Olivias Innerstes wie eine Speerspitze.
..»Du freust dich also für mich«, stellt er fest. »Und du hast nicht darauf spekuliert in Georges Präsentation deinen eigenen Namen hinter dem Wörtchen ›Ressortleitung‹ zu sehen? Liv, Liv …« Er schüttelt den Kopf, als hätte er es mit einem gänzlich hoffnungslosen Fall zu tun. »Jeder weiß, wie sicher du dir gewesen bist«, fährt er mit gesenkter Stimme fort. »Ich habe dich während des Meetings beobachtet. Deinen Blick, während George meinen Aufstieg und damit deinen Untergang verkündet hat, werde ich definitiv als eines der schönsten Geschenke mit ins Grab nehmen.« Nun ist es an ihm, seine Hand für einen Moment auf Olivias Oberarm zu platzieren, bevor er sich abwendet und sie allein zurückbleibt.

Vor Olivias Büro steht der Putzwagen und versperrt den Durchgang. Sie schaut sich um. Der Flur ist verwaist und auch hinter dem Tuchstapel hält sich niemand versteckt. Olivia versetzt dem Wagen einen Stoß, woraufhin er zumindest so weit beiseite rollt, dass sie ihr Arbeitszimmer betreten kann. Drinnen ist es stickig. Die Klimaanlage gibt keinen Ton von sich und auch ihre gezielten Schläge gegen die Abdeckung der Steuerung schaffen keine Abhilfe. Hat sich denn heute alles gegen sie verschworen? Stiche jagen durch Olivias Schläfen und verlangen nach einer Ration Tabletten. Sie drückt zwei davon aus der Verpackung, schenkt sich ein Glas Wasser ein und würgt die stumpfen Pillen durch ihre Speiseröhre. Als die Schmerzen langsam abebben, greift sie zur Zigarettenschachtel. Das Rauchen ist im gesamten Vinina-Tower nicht erlaubt, aber wen scheren an so einem schwarzen Tag schon Verbote? Was sie in ihrem Büro treibt, geht nur sie selbst etwas an. Olivia schlingt sich den Seidenschal aus ihrer Schublade um den Hals und stellt das Fenster auf Kipp. So nah wie möglich rückt sie an den entstandenen Spalt heran. Spätsommerluft streicht ihr übers Gesicht, die sich gegen den Tabakrauch allerdings nicht lange behaupten kann. Gerne würde Olivia die Fenster ganz öffnen und die Freiheit spüren, die Vögel empfinden müssen, wenn sie hoch oben über dem Asphalt schweben, weit weg vom Großstadtlärm. Doch alle Fenster im Haus sind lediglich mit einer Kippfunktion ausgestattet. Offensichtlich haben die Architekten bei der Planung die Anweisung erhalten, die Selbstmordraten aufgrund von ausbleibenden Beförderungen und unzumutbaren Arbeitskollegen auf ein Minimum zu reduzieren. Olivia stellt sich auf die Zehenspitzen, nimmt einen tiefen Zug von ihrer Zigarette und schaut in die Häuserschlucht hinab. Autos hupen, Menschen eilen über die Gehwege. Alte und Junge, Männer und Frauen, einige mit Kindern, andere mit Hunden – nur die Hektik, die sie umgibt, haben alle miteinander gemein. Morgens klingelt ihr Wecker, abends gehen sie schlafen. In der Zwischenzeit geht’s ums Überleben, jeden Tag aufs Neue.
..Ein langer gelber Wagen schließt so dicht zu seinem Vordermann auf, dass er fast den Kofferraum berührt. Im letzten Moment kommt er zum Stehen. Olivia lächelt und inhaliert eine weitere Dosis Nikotin. Fehlt nur die Lichtanzeige auf dem Dach, dann könnte die Karre glatt als New Yorker Taxi durchgehen. Während des Auslandsjahres in Amerika hat ihr all der Trubel nichts ausgemacht. Weit weg von den Geistern der Vergangenheit bekam sie eine Ahnung davon, dass alles anders sein könnte, dass sie anders sein könnte. Sie hätte niemals nach London zurückkehren dürfen, egal wie verlockend das Jobangebot der Vinina-Holding auch war. Jetzt ist es zu spät. Sie ist nun hier und wird durchziehen, was sie angefangen hat. Aufgeben ist niemals eine Option! Zwar hat sie bei den endlosen «Predigten» ihres Vaters die Ohren oft auf Durchzug gestellt, aber das ist etwas, was hängen geblieben ist.
..Ein schrilles Klingeln lässt Olivia zusammenfahren. Sie schnippt die Kippe ins Freie und kehrt zurück an ihren Schreibtisch.
..»Davis«, bellt sie lauter als beabsichtigt in die Freisprechanlage. Wie gerne wäre sie diesen Nachnamen los! Jedes Mal, wenn sie ihn laut ausspricht, schwappt eine weitere Welle unliebsamer Kindheitserinnerungen an die Oberfläche. Vielleicht könnte sie ihn ändern lassen. Aber für die Mitarbeiter im Amt stellt er mit Sicherheit keinen Härtefall dar, auch wenn ihr eigenes Empfinden eine andere Sprache spricht. Lächerlich machen will sie sich schließlich nicht, und einer schlichten Sachbearbeiterin die Macht über solch eine einschneidende Entscheidung verleihen ebenso wenig.
..»Hallo? Wer ist denn da?«
..Es knistert in der Leitung. Gerade als Olivia die Verbindung beenden will, räuspert sich jemand. »Ich bin’s, Ben.«
..Ben? Der Ben, der ihr monatelang den gigantischsten Sex ihres Lebens beschert hat? Der sie glauben ließ, es gäbe tatsächlich so etwas wie Seelenverwandtschaft auf der Welt, und sie dann völlig unvorbereitet ausmusterte wie eine löchrige Socke? Und das nur, weil er meinte, für die nächste Sprosse auf der Karriereleiter müsse ein neues Image her. Eines, das Kinder beinhaltet und mit ihr nicht zu haben war. Olivias Augen verengen sich zu schmalen Schlitzen. »Was willst du? Ich bin in Eile, der Vorstand wartet auf mich.«
..»Der Vorstand?« Ein tiefes Seufzen dringt aus dem Lautsprecher, das unbestreitbar anregende Gefühle wachruft. »Ich habe immer bewundert, wie ehrgeizig du deine Ziele verfolgst, Liv. Ich … ich vermisse dich, weißt du?«
..»Du vermisst mich?« Sie rückt so nah an die Freisprechanlage heran, dass ihre Lippen beinahe den anthrazitfarbenen Kunststoff berühren. Angewidert verzieht sie das Gesicht, als ihr ein stechender Reinigungsmittelgeruch entgegenweht. »Und das fällt dir nach fast zwei Jahren einfach so beim Frühstück ein?«
..»Natürlich nicht, Honey. Du fehlst mir, seit wir uns das letzte Mal gegenübergestanden haben, jeden Tag und jede Nacht aufs Neue. Können wir uns sehen?«
..Olivias Nägel graben sich schmerzhaft in ihre Handflächen.
..»Liv? Bist du noch dran?«
..»Du hast mich damals einfach abserviert, da werde ich wohl ein paar Sekunden nachdenken dürfen, oder?«
..»Ja, klar. Ich … ich kann auch später anrufen, wenn es dir besser passt.«
..»Nein. Komm morgen Mittag um eins ins Café Chérie.« Mit diesen Worten drückt Olivia das Gespräch weg und nimmt ihrem ehemaligen Lover damit jede Chance, etwas darauf zu entgegnen. Nachdenklich lässt sie sich zurück in die hohe Lehne ihres Bürostuhls fallen und fixiert die Düsen der Klimaanlage an der Decke. Noch einmal wird sie sich nicht von ihm vorführen lassen. Er will sie zurück? Gut, dann aber nur zu ihren Spielregeln!

2

Anique Dubois schaut die Fassade des reich verzierten Altbaus in der Londoner Innenstadt empor. Ein Blickfang, der diesen unrühmlichen Platz im Hinterhof ebenso wenig verdient hat wie den anrüchigen Geschäftsbetrieb in seinem Inneren. Anzusehen ist dem Gebäude nicht, welch lasterhafte Gesellschaft es beherbergt. Nur das kleine selbstgebastelte Schild neben dem Klingelknopf verrät, dass es sich keineswegs um ein normales Wohnhaus handelt. »Abigail’s« steht dort in geschwungener Handschrift geschrieben. Anique muss unwillkürlich lächeln. Auch wenn es auf der Hand liegen mag, ist Abigail nicht der richtige Name der Dame, die diesen »Massage-Salon« betreibt. Sie hat ihn gewählt, da er im Gegensatz zu ihrem eigenen Vornamen mit »A« beginnt und somit in allen Verzeichnissen direkt am Anfang aufgeführt wird. Wahrscheinlich ist eine pragmatische Herangehensweise das Erfolgsrezept in diesem Business. Gefühlsduselei ist nirgendwo unangebrachter als hier.
..Anique legt ihren Kopf in den Nacken. Alles sieht so friedlich aus im gleißenden Tageslicht. Ganz anders als in den Abendstunden, wenn sie normalerweise ihren Dienst antritt. Die Sonne spiegelt sich in den geteilten Fensterscheiben und verleiht dem Gebäude eine Romantik, die sonst ausschließlich alten Burgen und Schlössern vorbehalten ist. Auf dem Hof ist es ruhig. Die hohen Häuser ringsherum fangen den Großteil des Lärms der nahe gelegenen Hauptstraße ab, bis ein schepperndes Geräusch die vermeintliche Idylle zerreißt. Anique wirbelt herum. Am Rande der Einfahrt liegt eine der drei Mülltonnen mit geöffnetem Deckel am Boden und hat ihren stinkenden Inhalt auf dem Kiesbett verteilt. Das ist auch den zwei Nachbarskatzen nicht entgangen, die wie aus dem Nichts auftauchen und das unverhoffte Mahl fauchend für sich beanspruchen. Ihre aufgestellten, gesträubten Schwänze erinnern Anique an die Kakteen im Wintergarten ihrer Großmutter – wie lang diese sorgenfreie Zeit schon vorbei ist! Sie klatscht in die Hände und geht ein paar Schritte auf die Tiere zu, doch die lassen sich nicht aus ihrem Essensparadies vertreiben. Seufzend gibt Anique den Kampf schließlich auf und kehrt zum Eingang zurück. Seit einem guten halben Jahr kommt sie zweimal in der Woche her, neben ihrem Hauptjob in einem angesehenen französischen Restaurant. Kaum hat sie den Klingelknopf berührt, überkommt sie ein vertrauter Fluchtreflex, obwohl die Rahmenbedingungen dieser Anstellung eigentlich stimmen: nette Kollegen, eine verständnisvolle Chefin, saubere Zimmer, klare Hygiene- und Verhaltensregeln für die Kundschaft und nicht zuletzt die stattliche Bezahlung – der Hauptgrund dafür, diese Tortur wieder und wieder über sich ergehen zu lassen.
..Anique betritt den kühlen Flur. An der kleinen Rezeption zu ihrer Linken betätigt sie die silberne Glocke auf dem Tresen. Ein helles Läuten schallt durch die hohe Halle und ruft trotz des lieblichen Tons unschöne Erinnerungen in ihr wach. Erinnerungen, die sie am liebsten in die hinterste Schublade packen und für immer vergessen würde. Die ganze Zeit über haben ihre Kunden sie durchweg gut behandelt, einige respektvoller als andere, aber nie hat es einen Anlass zur Beschwerde gegeben. Bis zu dem Zwischenfall in der letzten Woche. Er war ein gutaussehender Mann – eine gepflegte Erscheinung. Doch schon auf dem Weg ins Arbeitszimmer machte sich ein ungutes Gefühl in Anique breit. Irgendetwas an ihm war ihr suspekt und dieses Gespür sollte sich nur allzu schnell bestätigen. Unter der glatten Oberfläche lauerten derart niedere Triebe und eine alles unterdrückende Gewaltbereitschaft, die sie sich in dem Ausmaß vorher niemals hätte vorstellen können. Ausgeliefert, hilflos am Bettgestell fixiert, haben diese Minuten ihr Leben verändert und einen Teil von ihr für immer mit sich genommen.
..»Anique! Wie schön, dass du da bist.« Eine Frau mit raspelkurzem grauen Haar kommt um die Theke herum und drückt Anique an ihren ausladenden Busen. »Dein Umschlag ist fertig. Kommst du eben mit nach hinten?«
..»Gern. Vielen Dank für den Vorschuss, Vic. Ich hätte dich wirklich nicht darum gebeten, wenn es nicht so dringend wäre.«
..»Das weiß ich. Du musst dich vor mir nicht rechtfertigen.« Mit dem Zeigefinger schiebt Victoria ihre Brille ein Stück weiter die Nase hinauf und dirigiert Anique vor sich her ins Hinterzimmer. »Geht’s deiner Kleinen gut?«
..»Ja, alles in Ordnung.« Anique lächelt. Auch wenn sie im Laufe der Monate ein gutes Verhältnis zu ihrer Chefin aufgebaut hat, mag sie ihr nicht alles erzählen. Zu viel Nähe zum Vorgesetzten birgt immer ein gewisses Risiko. Victoria reicht ihr einen verschlossenen Briefumschlag.
..»Ich zahle es dir so bald wie möglich zurück.«
..»Kein Stress, wir können es Stück für Stück verrechnen. Sehen wir uns am Wochenende?«
..Anique nickt. »Am Samstag. Hat sich schon jemand angemeldet?«
..»Momentchen, ich schaue nach …«
..Die Glocke an der Rezeption schrillt dreimal hintereinander und lässt Anique zusammenfahren. Kurz bevor dieser Dreckskerl zum Ende gekommen ist, hat es ebenfalls derart penetrant geklingelt. Natürlich hatte sie diesen Ton schon unzählige Male zuvor gehört, aber in diesem Augenblick war es anders. Grell und schmerzhaft brannte er sich in ihr Gedächtnis – die rettende Gesellschaft anderer Menschen war so nah und doch Lichtjahre von ihr entfernt.
..Unverrichteter Dinge schlägt Victoria das Buch wieder zu, in dem sie die Anmeldungen notiert, und geht nach vorn.
..»Kann ich Ihnen helfen?«
..»Das will ich hoffen.«
..Vier Worte reichen aus. Unter Tausenden würde Anique diese Stimme wiedererkennen. Ihr Herz stolpert, ihre Beine geben nach und zwingen sie auf die nächstbeste Sitzgelegenheit.
..Ein Schlüsselbund landet geräuschvoll auf dem Tresen. »Ich fürchte, bei meinem letzten Besuch habe ich mein Zigarettenetui verloren. Bestimmt ist es mir aus dem Jackett gerutscht.«
..»Bei wem waren Sie zu Gast?«
..»Bei Anique. Ein reizendes Mädchen.«
..»Anique? Das trifft sich gut. Warten Sie bitte, ich bin gleich zurück.« Victoria geht ins Hinterzimmer und stockt. Ein Blick in die Augen ihrer Mitarbeiterin genügt. Zusammengekauert sitzt sie auf einem der Stühle vor dem Schreibtisch, als warte sie dort auf den unausweichlichen Gang zum Schafott.
..Victoria kehrt zum Empfang zurück. »Tut mir leid, in unserer Fundkiste kann ich es nicht finden. Aber ich werde mich gerne für Sie umhören. Möchten Sie Ihre Nummer hinterlassen?«
..Der Mann schüttelt den Kopf. »Das ist nicht nötig. Ich schaue bei Gelegenheit wieder vorbei.«
..Victoria wartet, bis er das Haus verlassen hat. Im Hinterzimmer schließt sie die Tür und nimmt ebenfalls auf einem der Stühle Platz. »Was hat er mit dir gemacht?«
..Anique schluckt. »Du darfst ihn nicht mehr reinlassen«, flüstert sie.
..»Warum?«
..»Er … er ist gefährlich.«
..»Inwiefern?«
..»Bitte frag nicht weiter.« Eine Träne löst sich aus Aniques Wimpern und rollte ihre zarte Wange hinunter.
..»Was auch immer er dir angetan hat, ich hätte keine Sekunde gezögert, ihm die Polizei auf den Hals zu hetzen. Warum hast du nichts gesagt?«
..»Die Polizei würde dir Ärger machen. Dein Geschäft ist nur geduldet, nicht akzeptiert.«
..Victoria zieht ein Taschentuch aus einer Box und reicht es Anique. »Das ist zweitrangig, wenn es um die Sicherheit meiner Mädchen geht!«
..»Ja, ich weiß.« Aniques Lippen pressen sich zu einem schmalen Strich zusammen.
..»Was ist dann der Grund gewesen?«
..»Ich … ich weiß nicht …«, sagt sie. Doch sie kennt die Antwort besser als ihr lieb ist: Angst. Angst vor dem, was er ihr und ihrer Tochter angedroht hat, wenn sie mit irgendjemandem über ihr Schäferstündchen reden sollte.
..Victoria seufzt. »Er kommt auf unsere schwarze Liste. Weißt du, wer er ist?«
..»Nein. Ich sollte ihn Joe nennen, aber das ist sicher nicht sein richtiger Name. Er trug einen Ehering. Sein Schlüsselanhänger hatte die Form eines Motorrads und ein eingraviertes »B« auf der Vorderseite. Darauf würde er bestimmt nicht den Anfangsbuchstaben einer Frau verewigen, sondern eher seinen eigenen. Außerdem nennen sich alle Kerle Jim, John oder Joe, die ihren echten Namen nicht verraten wollen.«
..»Wir können ihn immer noch anzeigen, wenn er wieder auftaucht.«
..Aniques Gesichtsausdruck lässt keinen Zweifel daran aufkommen, was sie von diesem Vorschlag hält.
..»Ich sehe schon, das willst du nicht.« Victoria legt ihr den Arm um die Schulter. »Aber denk wenigstens drüber nach, okay?«
..Anique deutet ein Nicken an. »Das mache ich. Versprochen.«

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