Und heute fällt der erste Schnee – Leseprobe2017-07-12T23:03:54+00:00
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Leseprobe

Und heute fällt der erste Schnee

Und heute fällt der erste Schnee – Cover

1

Sam schaut zum Himmel hinauf. Die dicke Wolkendecke liegt wie ein steinerner Deckel über dem Rollfeld und taucht das Leben darunter in tristes Grau. Trotzdem wirkt alles friedlich – drinnen wie draußen. Das zusammengeknüllte Stück Papier neben dem Fahrgestell des Passagierflugzeugs, das sie nach Köln bringen soll, bewegt sich nicht. Es ist vollkommen windstill. Fragt sich nur, wie lange dieser Zustand noch anhält. Der Wetterbericht vom Morgen hat nichts Erfreuliches versprochen und ein Blick aus den bodentiefen Fenstern der Abflughalle in Edinburgh unterstreicht diese Prognose. Zumindest ist die Anfahrt störungsfrei verlaufen – auch wenn sie lange gedauert hat und von der latenten Sorge begleitet war, dass der vorhergesagte Schneesturm jeden Moment einsetzen könnte.
Sam gähnt. Um kurz nach vier hat der Wecker das Ende ihrer Nachtruhe verkündet. Obwohl sie unzweifelhaft zu den Frühaufstehern gehört, ist das selbst für ihre Verhältnisse zeitig gewesen. Eigentlich gibt es nichts Schöneres für sie, als den Sonnenaufgang von ihrem Lieblingsfelsen aus zu beobachten. Dabei zu sein, wenn die leuchtende Kugel unaufdringlich aus dem Meer steigt und die Landschaft mit sanften Farben flutet. Damit ist Schottlands Ostküste etwas gelungen, das Sam nach ihrem unfreiwilligen Umzug dorthin niemals für möglich gehalten hätte: Sie hat ihr Herz im Sturm erobert. Doch heute konnte sich das morgendliche Naturschauspiel gegen die Wolkenmassen nicht durchsetzen. Es musste seinen mystischen Zauber ohne Publikum vollziehen – hinter verschlossenem Vorhang.
Sams Blick wandert quer über das Rollfeld zurück zu dem wartenden Flugzeug. Die Innenkabine ist hell erleuchtet und gibt durch die ovalen Fenster Ausschnitte des regen Treibens im Rumpf der Maschine preis. Menschen drängen zu ihren Sitzplätzen und verstauen das Handgepäck in den dafür vorgesehenen Fächern. Sam kennt sie gut, diese geschäftige Atmosphäre – es dauert, bis jeder seinen Platz gefunden und sich eingerichtet hat. Klappende Deckel, scharrende Taschen, Leute unterhalten sich, lachen oder schimpfen. Bei ihr am Gate dagegen ist es still. Kaum jemand hat sich an diesem Samstag im Dezember um acht Uhr in der Früh hierher verirrt und diejenigen, die es ebenfalls nach Köln zieht, sind bereits an Bord. Sams Magen knurrt. Das Frühstück ist eine gefühlte Ewigkeit her, doch selbst wenn sie etwas Essbares dabei hätte, würde sie vor Aufregung keinen Bissen herunterbekommen. Wie soll der Pilot sie bloß unbeschadet durch die Wolken bringen? Der Zugang in den klaren Himmel, dorthin wo immer die Sonne scheint, ist versperrt. Der Durchbruch durch die düstere Fläche scheint geradezu ausgeschlossen – andererseits: Würde überhaupt eine Starterlaubnis erteilt werden, wenn die Aussicht auf einen erfolgreichen Flugverlauf derart schlecht wäre?
Eine Hand legt sich von hinten auf ihre Schulter. »Samantha McKay?«
Die fremde Stimme erlöst Sam aus der Grübelei. Sie nickt, ohne sich umzusehen.
»Das war der letzte Aufruf. Wenn Sie mitfliegen möchten, müssen Sie jetzt bitte einsteigen.«
Sam reißt sich von dem unheilvollen Bild am Horizont los und dreht sich zu der jungen Frau herum, die sie erwartungsvoll anschaut.
»Natürlich. Es tut mir leid, ich war in Gedanken.«
Die Stewardess lächelt. »Kein Problem. Ich komme morgens auch nicht so schnell in Gang und bei dem Wetter heute ist es mir besonders schwergefallen. Wahrscheinlich habe ich meinen Job verfehlt, die ständigen Schichtwechsel bringen mich noch um.« Mit beiden Händen rückt sie ihr Hütchen zurecht und lacht so unerwartet laut auf, dass Sam zusammenzuckt. »Na ja, besser wir haben Startschwierigkeiten als der Flieger, oder?«
Sam schluckt. Diese Art von Humor ist wirklich das Letzte, was sie gerade braucht. Als ob ihre Sorge darüber, dass der Vogel vorzeitig vom Himmel fällt, nicht schon groß genug wäre. Sie greift nach ihrer Umhängetasche, die sie während der Wartezeit zwischen ihren Beinen auf dem Boden abgestellt hat, und folgt der Stewardess zur Gangway. Der schmale Schlauch kommt ihr länger vor als üblich – er will gar kein Ende nehmen. Entschlossen strafft Sam die Schultern und beschleunigt ihre Schritte. Sie wird nicht umkehren! Nicht die dreieinhalb Stunden zurückfahren und damit ihre Großmutter Josefine enttäuschen, die sich seit Wochen auf den Besuch ihrer Enkelin freut. Außerdem hat sie sich diesen vorweihnachtlichen Ausflug im Vorfeld gut überlegt. In der Vergangenheit ist ihre Oma jedes Quartal für ein paar Tage zu ihnen nach Dornoch gereist, in das kleine Küstendorf in den schottischen Highlands, das während der letzten 20 Jahre zu Sams Heimat geworden ist. Entgegen aller Gewohnheit ist der letzte Besuch nun schon Monate her und Sam ist sich sicher, dass diese Tatsache nichts mit mangelndem Interesse zu tun hat. So sehr sie die Begegnung mit ihr auch herbeisehnt, das Unbehagen darüber, in welchem gesundheitlichen Zustand sie die alte Dame antreffen wird, trübt ihre Vorfreude. Die letzten Telefonate haben Sams Stiefmutter Ria zwar in Sorge versetzt, aber die Arbeit in der Bed&Breakfast-Pension beanspruchte ihre volle Aufmerksamkeit. Es war eine weite Durststrecke, bis der Geschäftsbetrieb sich damals etabliert hatte. Nach dem Kauf des sanierungsbedürftigen Farmhauses musste sie gemeinsam mit Sams Vater Alan um jeden einzelnen Gast kämpfen. Doch das ist lange her. Mittlerweile hat die Pension sich zu einem echten Geheimtipp entwickelt und ist zur Anlaufstelle für viele stressgeplagte Großstädter geworden. Aber was bis vor zwei Jahren bestens funktioniert hat, ist Ria nach Alans plötzlichem Tod immer mehr über den Kopf gewachsen. Üblicherweise lässt der Gästeandrang Ende Januar saisonbedingt etwas nach, erst dann wird auch sie sich die Zeit nehmen können, Josefine in Köln zu besuchen. Köln – die Stadt, in der Ria gemeinsam mit ihrem Bruder Norman aufgewachsen ist und die nicht nur schöne Erinnerungen in ihr wachruft.
Auf Sams Schulter wird es leicht, und das darauf folgende dumpfe Geräusch verheißt nichts Gutes. Sie schaut hinab auf ihre Tasche, die mit gerissenem Gurt zu ihren Füßen liegt und die Hälfte des Inhalts auf dem Boden der Gangway verteilt hat. Taschentücher, Bonbons, eine Mütze, ihr Mobiltelefon und die Geldbörse warten darauf, wieder aufgehoben zu werden. Wenigstens hat der Reißverschluss des Portemonnaies sie nicht ebenso im Stich gelassen wie der ihrer Umhängetasche, sonst könnte sie nun jede Münze einzeln aus den Ritzen fischen.
Die Stewardess bückt sich und hilft Sam beim Einsammeln, wobei ihr Hütchen ein Stück nach links rutscht. »Das scheint nicht Ihr Tag zu sein«, bemerkt sie. »Hoffentlich ist es kein schlechtes Omen, wenn Sie mit an Bord sind. Und dann noch das Wetter …«
Sam schließt die Augen und hält mit einem der Bonbons in der Hand inne. Wird diesen Flugbegleitern in der Schule kein diplomatisches Geschick im Umgang mit den Passagieren beigebracht? Die Frau ist hilfsbereit, keine Frage. Aber ein Minimum an Gespür dafür, was man sagen kann und was nicht, sollte eine Grundvoraussetzung in dieser Branche sein. Kurzentschlossen wickelt Sam das Naschwerk aus dem Papier und schiebt es sich in den Mund. Alles, was sie von der bevorstehenden Tortur ablenkt, kann nur gut sein.
Die Stewardess räuspert sich, ihre Hände zittern. »Wir müssen uns beeilen. Ed hat heute das Sagen und er wird stinksauer, wenn wir uns verspäten, weil ich meine Schäfchen nicht rechtzeitig zusammengetrieben habe.«
Sam zieht die Augenbrauen hoch und starrt ihr Gegenüber ungläubig an. Sie hat Angst! Sie, die den ganzen Tag nichts anderes macht, als mit dem Flugzeug von A nach B zu reisen, hat tatsächlich Angst!
»Das ist erst mein fünfter Einsatz nach der Ausbildung«, plappert die Flugbegleiterin weiter. »Vor zwei Tagen sind wir in ein Unwetter gekommen. Ich konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen, geschweige denn die Passagiere beruhigen. Das hat vielleicht Ärger gegeben! Was, wenn sie mich rausschmeißen? Wenn es heute noch schlimmer wird und wir … gar nicht ankommen?« Mit jedem Wort wird ihre Stimme schriller. Sanft legt Sam ihr die Hand auf den Oberarm. Es kommt häufiger vor, dass wildfremde Leute ihr ungefragt das Herz ausschütten. Ihr Vater hat sie auch gehabt, diese besondere Aura. Ganz anders als Sams leibliche Mutter, die das Leben eher nüchtern und Probleme analytisch betrachtete. Ihr früher Tod stürzte Sam damals in tiefe Verzweiflung, aber der drängende Wunsch, sie hätte mehr Zeit mit ihr verbringen können, rückte im Laufe der Jahre immer weiter in den Hintergrund. Ein natürlicher und gesunder Selbstschutz nach allem, was sie mitmachen musste, sagte der Psychologe. Es dauerte lange, bis ihr Verstand das genauso sehen konnte. Doch mittlerweile kann sie der Sache sogar etwas Gutes abgewinnen, denn ohne diese Tragödie hätte sie Ria niemals kennengelernt. Und die ist für Sam weit mehr als nur eine Ersatzmutter geworden. Von Anfang an hat sie ihre Stieftochter unterstützt, gefördert und geliebt – viel mehr also, als man sich von einer eigentlich fremden Person erhoffen kann. Ihr Vater hat recht gehabt: Für jede Tür, die zufällt, öffnet sich eine neue. Manchmal dauert es nur etwas länger, bis sie sich einem offenbart.
Die Stewardess starrt Sam mit schreckgeweiteten Augen an und drückt ihre Hand dabei fester als nötig. Normalerweise stellt diese Art von Seelenstriptease, den die Flugbegleiterin betreibt, für Sam kein Problem dar, denn sie leiht anderen Menschen gerne ein offenes Ohr. Außerdem kommt ihr ein wenig Zerstreuung in diesem Moment nicht ungelegen, nur leider ist dieses Thema zur effektiven Ablenkung von ihrer eigenen Furcht denkbar ungeeignet. Im Gegenteil: Es lässt sie mehr und mehr daran zweifeln, ob diese Reise wirklich die richtige Entscheidung gewesen ist.
»Wie heißen Sie?«, fragt Sam.
»Diana.«
»Machen Sie sich keine Sorgen, Diana. Niemand wird Sie entlassen.« Sam schluckt. Hoffentlich klingen ihre Worte überzeugender, als sie sich anfühlen. Sie klaubt ihre restlichen Habseligkeiten zusammen und lässt sie in den Untiefen ihrer Tasche verschwinden. Der Kampf mit dem Reißverschluss ist wenig erfolgversprechend. Direkt nach dem ersten Versuch gibt sie ihn wieder auf und knotet aus dem gerissenen Gurt stattdessen eine provisorische Befestigung.
»Und natürlich werden wir heil in Deutschland landen«, fährt Sam fort. »Die Lotsen und der Pilot haben jede Menge Erfahrung. Wäre es zu gefährlich, würden sie gar nicht erst starten.« Sie lächelt aufmunternd, doch tief in ihrem Inneren hofft sie, dass die soeben erwähnten Personen nicht ebenfalls Berufsanfänger sind.
»Wahrscheinlich haben Sie recht.« Die Stewardess schüttelt den Kopf und schaut betreten nach unten, wobei sie ein Steinchen am Rande der Gangway fixiert. »Ich habe das vorhin ernst gemeint, auch wenn es sich vielleicht anders angehört hat. Womöglich ist es wirklich der falsche Beruf für mich.« Ihr Blick huscht unruhig zwischen der geöffneten Flugzeugtür und Sam hin und her. Einerseits will sie ihre letzte Passagierin nun schleunigst an Bord bekommen, andererseits wäre es ihr deutlich lieber, an Ort und Stelle stehenzubleiben – mit sicherem Boden unter den Füßen. Sam kann diesen Zwiespalt gut nachempfinden und spielt für den Bruchteil einer Sekunde ebenfalls mit dem Gedanken umzukehren, doch dieses Bedürfnis ist schnell niedergerungen. Nein! Sie wird zu ihrer Großmutter fliegen, versprochen ist schließlich versprochen! Kurzentschlossen gibt Sam sich einen Ruck und schiebt Diana behutsam, aber bestimmt vor sich her. Am Eingang wartet bereits eine Kollegin auf die beiden Nachzügler. Dem Gesichtsausdruck nach zu urteilen, ist sie alles andere als glücklich über die Verspätung, was den endgültigen Schritt über die Schwelle nicht erleichtert.
»Wo hast du gesteckt, verdammt noch mal?«, zischt sie Diana an. »Ed ist außer sich. Das Wetter wird immer schlechter. Wenn wir noch lange warten, war’s das mit unserer Starterlaubnis.« Die Aussage verfehlt ihre Wirkung nicht, denn Diana sackt unter dem scharfen Ton sichtlich in sich zusammen. Tränen schimmern in ihren Augenwinkeln.
Sam seufzt. »Es ist meine Schuld«, sagt sie aus dem Impuls heraus. Diana ist zwar denkbar ungeeignet für ihren Job und hat nicht gerade dafür gesorgt, dass Sam sich an Bord aufgehoben fühlt, aber trotzdem tut ihr die junge Frau leid. »Ich habe fürchterliche Flugangst. Es ist nicht einfach für sie gewesen, mich an Bord zu holen.«
Die Augen der Stewardess verengen sich zu schmalen Schlitzen, letztendlich tritt sie jedoch beiseite und lässt Sam passieren. »Nehmen Sie eine Tablette dagegen«, ruft sie ihr hinterher. »Wir haben schon Sachen mit Leuten wie Ihnen erlebt, das würden Sie mir nicht glauben.«
Sam fährt sich mit der Hand über die Stirn. »Und ob«, murmelt sie. »Bei dieser Crew kann ich mir einiges vorstellen.«

Alle Mitreisenden haben ihre Plätze bereits eingenommen und schauen Sam vorwurfsvoll entgegen. Eilig geht sie zu ihrem Sitz in der sechsten Reihe, die Menschen um sich herum versucht sie, zu ignorieren. Die Kabinentür fällt mit einem schmatzenden Geräusch ins Schloss und die Metallteile des Sicherheitsgurtes um ihre Taille rasten klickend ineinander. Damit kehrt auch das flaue Gefühl zurück. Sams Sitznachbarin ergeht es allem Anschein nach nicht besser, denn die Fingernägel der korpulenten Frau graben sich hilfesuchend in die Polster. Ihr Blick ist stur auf die Rückenlehne des Vordermanns gerichtet. Sam holt tief Luft, beim Ausatmen blasen ihre Wangen sich zu doppelter Größe auf. Was für ein Höllentrip! Da hilft nur eins: ein Buch, Musik und Bonbons. Viele Bonbons! Die aus Karamell, alle anderen erfüllen ihren Zweck bestenfalls halbherzig. Karamellbonbons haben sie schon durch so manche Notsituation begleitet und entwickeln bei ihr stets eine unerklärlich beruhigende Wirkung. Der Geschmack vermittelt Sam ein Gefühl von Geborgenheit, das sie im Alter von acht Jahren für immer verloren geglaubt hatte. Sie befreit eine weitere der süßen Kugeln aus dem Papier, legt das Buch, das sie rezensieren soll, auf den Oberschenkeln ab und setzt ihre Kopfhörer auf. Die Musikbibliothek des Mobiltelefons ist prall gefüllt und hat für jede Gemütslage das passende Album parat. Sams Zeigefinger wischt über das Display, doch gerade als sie einen ihrer liebsten Gute-Laune-Titel antippen will, landet ein Ellbogen unsanft in ihrer Seite. Sie schreckt hoch. Der Blick der Frau zu ihrer Rechten ist wirr und toppt den der verunsicherten Stewardess um Längen. Sam wendet sich ab und startet das nächstbeste Lied. Egal wie, eine Barriere muss her, bevor diese Person sie mit ihren Ängsten überschütten kann, die offensichtlich im Überfluss vorhandenen sind. Noch mehr dieser psychischen Hilferufe kann sie an diesem Morgen wirklich nicht verkraften. Kaum ist der Song ausgewählt, legt die rhythmische Melodie sich wie eine schützende Hülle um sie herum. Das Gemurmel der restlichen Fluggäste verstummt, die angespannte Atmosphäre löst sich auf und nimmt die bedrückende Last von ihrem Herzen mit. Sam schließt die Augen. Sie lehnt sich im Sitz zurück und konzentriert sich ganz auf den Klang der Musik – bis ein zweiter Hieb sie trifft. Diesmal landet der Ellbogen ihrer Sitznachbarin seitlich auf ihrem Arm. Sam atmet tief durch, zählt innerlich bis drei und lüftet anschließend den Kopfhörer.
»Kann ich Ihnen helfen?«, fragt sie mit einem untypisch ärgerlichen Unterton in der Stimme.
Die Frau schaut sich nach allen Seiten um, dann beugt sie sich langsam zu ihr herüber. Eine leichte Alkoholfahne liegt in der Luft und lässt Sam an den äußersten Rand ihres Platzes rutschen.
»Oh, mein Gott!« Die Dame schlägt sich die Hand vor den Mund. »Sie riechen es, oder?« Ihr Gesicht läuft tiefrot an. »Normalerweise trinke ich nicht. Wirklich nicht! Aber wenn ich fliegen muss, geht ohne einen kleinen Brandy gar nichts.« Sie wedelt mit den Fingern vor ihrem Gesicht herum, wobei der Geruch sich eher weiter verteilt als verflüchtigt. »Wir fliegen eingeschlossen in dieser Konservenbüchse übers Meer – allein die Vorstellung macht mich verrückt. Wir können nicht aussteigen, sind dem Piloten hilflos ausgeliefert.«
Brandy! Obwohl Sam eher nach Heulen zumute ist, huscht ein Lächeln über ihr Gesicht. Allerdings steigt dabei nicht das Bild einer Flasche Alkohol, sondern das eines Hundes in ihr auf. Nie wird sie vergessen, wie die gefleckte Mischlingsdame eines Tages jaulend vor ihrer Pension gesessen und um Einlass gewinselt hat. Ihr Vater Alan hatte es sich gerade in seinem alten Ohrensessel bequem gemacht, als Sam neugierig die Tür öffnete und das kleine Fellknäuel wie ein Tornado durch den Wohnbereich fegte. Das Brandyglas auf dem Beistelltisch war als erstes fällig. Nachdem sie eines der Tischbeine gerammt hatte, ergoss sich der Inhalt in einem Schwung über ihren Rücken. Den Gestank trug sie tagelang mit sich herum und besiegelte damit ihr Namensschicksal. 17 Jahre lang war Brandy daraufhin ein fester Bestandteil der Familie McKay, ging mit ihnen gemeinsam als treuer Freund durch Höhen und Tiefen. Alan und Brandy – zwei Weggefährten, deren Verlust Ria schwer zugesetzt hat. Und die Aussicht auf einen neuen Partner löst bei ihr bis heute eher Panik als Freude aus, sehr zum Bedauern ihres Nachbarn Joe.
Die aufgebrachte Dame neben Sam gestikuliert weiterhin wild mit allen ihr zur Verfügung stehenden Gliedmaßen. »Wie können Sie so ruhig dasitzen?«, japst sie. Nach jedem Wort ringt sie um Atem. Allein vom Zuhören bilden sich feine Schweißperlen auf Sams Stirn. »Haben Sie mal aus dem Fenster geguckt? Draußen ist alles schwarz«, legt die Frau nach. »Wie sollen wir bei dem Wetter in die Luft, geschweige denn heil wieder runterkommen?«
»Vermutlich gar nicht«, würde Sam am liebsten antworten. Stattdessen zieht sie die Kopfhörer ganz aus und legt sie zu dem Buch auf ihren Schoß. »Machen Sie Urlaub oder zieht es Sie beruflich nach Köln?« Angesichts des abrupten Themenwechsels verstummt Sams Sitznachbarin und ihr panischer Ausdruck weicht Überraschung. »Ich … ähm … beruflich«, stammelt sie. »Ich bin Fachbesucherin auf der Messe.« Aus den Augenwinkeln beobachtet Sam, wie ihre bebenden Finger allmählich ruhiger werden und die verkrampfte Haltung sich etwas entspannt.
»Wie schön! Auf welcher denn? Ich dachte, im Dezember finden in Köln gar keine Messen mehr statt.«
Die Frau richtet sich auf, wobei ihre ausladenden Hüften rechts und links gegen die Armlehnen des Sitzes stoßen. »Die Brandschutzmesse ist tatsächlich die letzte im Jahr. Mein Mann und ich führen eine kleine Firma in Glasgow. Wir bieten die Wartung von Brandschutzanlagen an, Risikobewertungen und Konzepte zur Neuinstallation.«
»Wie interessant! Erzählen Sie mir darüber?«
»Nun, unsere Zielgruppe sind Produktions- und Verkaufsstätten, aber natürlich auch Privathaushalte und …«
Sam lächelt. Die Dame scheint ganz in ihrem Element, worüber sie offenbar vergisst, wo sie sich gerade befindet. Sie redet und redet, erzählt von Feuerlöschern, Sprinkleranlagen und Brandschutzbeauftragten. Für einen kurzen Moment flammt die Frage in Sam auf, ob das ganze Regelwerk auch in diesem Flugzeug korrekt umgesetzt worden ist. Langsam ruckeln sie auf die Startbahn zu und eine der Stewardessen gibt Anweisungen zum Verhalten an Bord. Doch nichts davon dringt zu der Feuerfachfrau durch, sie schwebt durch ihr eigenes Universum aus Rauch- und Wärmeabzugsanlagen. Erst als der Motor aufheult und die jähe Beschleunigung alle Passagiere unsanft in ihre Sitze drückt, erwacht sie aus ihrem Rederausch. Mit einem Schlag jagt die Realität ihr eine Ladung Adrenalin nach der anderen durch die Blutbahn. Ihre eingefrorene Körperhaltung gleicht der einer griechischen Statue, was ihrem durchdringenden Organ allerdings keinen Abbruch tut. Sie schreit. Ein Mädchen zwei Reihen hinter ihnen beginnt zu weinen.
»Ich arbeite in der Bibliothek in Inverness«, ruft Sam gegen den Lärm an. Die Erschütterungen werden immer stärker, je höher sie steigen, und schütteln ihre Körper gnadenlos durch. Das letzte Karamellbonbon rutscht unzerkaut durch Sams Speiseröhre und verabschiedet sich damit aus dem aktiven Leben. Die schwarze Wolkenwand am Himmel rast unaufhaltsam auf sie zu. Eine flatternde Stimme, die sie als Dianas identifiziert, scheppert durch den Lautsprecher und bittet die Fluggäste, Ruhe zu bewahren – die Ruhe, die ihr selbst nicht vergönnt ist.
»Ich habe auch einen eigenen Bücherblog, schreibe Rezensionen und …«, fährt Sam fort, doch die Frau übertönt mit ihrem Gejammer jede einzelne Silbe. Details zum Personenschutz und zur Katastrophenprävention sind wohl die einzigen Themenbereiche, die sie zuverlässig ablenken.
»Wissen Sie, warum die Fenster in Flugzeugen oval und nicht eckig sind?«, startet Sam das nächste Ablenkungsmanöver.
Wieder der überraschte Ausdruck auf dem rundlichen Gesicht. Das Wehklagen geht in ein Wimmern über. Die Frau schüttelt den Kopf.
»Zu unserer Sicherheit«, erklärt Sam. »Je höher wir fliegen, desto niedriger wird der Luftdruck. Deshalb wird er in der Kabine künstlich erhöht. Der Unterschied zwischen drinnen und draußen wird immer größer, dadurch dehnt sich der Durchmesser des Flugzeugrumpfes minimal aus. An rechteckigen Fenstern könnten die dabei entstehenden Kräfte nicht ohne Weiteres vorbeifließen, was bei ovalen Fenstern dagegen reibungslos funktioniert. Sie sehen also: Die Ingenieure haben sich viele Gedanken gemacht, damit uns nichts passieren kann.«
Die Dame hört sich Sams Ausführungen an, ohne dazwischenzuschreien – kein Zieleinlauf, aber zumindest ein Etappensieg für den Frieden an Bord.
»Da ist ein Loch im Fenster«, röchelt sie kaum hörbar. Ihr Zeigefinger presst sich so fest auf die kleine Öffnung am unteren Ende der Scheibe, dass Sam um deren Stabilität fürchtet. Gut, dass sie die Diplomarbeit ihres drei Jahre älteren Bruders Scott gegengelesen hat. Damals, am Ende seines Studiums der Fahr- und Flugzeugtechnik, bevor er in die Staaten zog. Vom Inhalt dieser Ausarbeitung ist einiges hängengeblieben und manchmal ist Sam nicht ganz sicher, ob sie das gut oder schlecht finden soll – ob diese Diplomarbeit nicht erst der Auslöser für ihre Flugangst war. Denn je mehr sie darüber erfuhr, desto bewusster wurde ihr die Anzahl der möglichen Risikofaktoren. Einerseits fasziniert sie das exakt abgestimmte Zusammenspiel der verschiedenen Vorgänge bis heute, andererseits führt es ihr immer wieder vor Augen, was durch ein wenig Unachtsamkeit alles schiefgehen kann.
»Jedes Fenster hat ein kleines Loch, und das ist gut so«, antwortet Sam trotz ihres rasenden Herzschlags so ruhig wie möglich. »Sie bestehen aus drei Scheiben. Die Innere, die wir anfassen können, ist nur eine Plexiglas-Verkleidung. Die Äußere ist am dicksten und als einzige mit dem Maschinenrumpf verbunden. Das Loch ist eine Art Entlüftungsventil, es hält den Luftdruck zwischen den Scheiben im Gleichgewicht und sorgt dafür, dass er im Kabineninneren immer ausgeglichen bleibt. Im Steigflug strömt die Luft aus dem Zwischenraum heraus, im Sinkflug wieder rein.«
Die Konzentration auf Sams Erklärung kostet die Frau scheinbar übermenschliche Kräfte. Ihre Augäpfel hüpfen unnatürlich auf und ab, die rosige Haut verliert jegliche Farbe. Es hilft alles nichts. Sam greift nach ihren Kopfhörern und stülpt sie der Frau ungefragt über die Ohren. Laut Handydisplay ist das Gerät mittlerweile bei einer schottischen Meditationsmelodie angekommen. Perfekt! Sam dreht die Lautstärke voll auf. Angespannt wartet sie auf eine Reaktion, während die Nase des Flugzeuges in wabernde Wolkenmassen eintaucht, die den Flieger schließlich vollständig verschlucken.

2

Noch vor wenigen Minuten hat Sam sich nicht vorstellen können, jemals wieder einen blauen Himmel zu sehen – strahlender Sonnenschein schien surreal und endlos weit entfernt. Doch kaum hat das Flugzeug die finstere Barriere durchbrochen, die Licht und Schatten voneinander trennt, erstreckt sich vor ihr ein ganzer Horizont voller Möglichkeiten. Die Chance auf einen Neubeginn hat sich Sam nie deutlicher offenbart als hier, wo hell und dunkel nur einen Wimpernschlag auseinander liegen.
Durch die Wolkendecke können Außenstehende Schottlands raue Schönheit nicht einmal ansatzweise erahnen. All das satte Grün, das nur von einigen malerischen Ortschaften und kleinen Seen unterbrochen wird, bleibt ihnen an diesem Morgen verborgen. Sam dagegen weiß, wie es unter der dunklen Fläche aussieht – für sie ist die Flugroute Richtung Deutschland nicht neu. Während ihres Literaturstudiums in Erfurt ist sie regelmäßig hin und her gependelt. Zwischen dem Land, in dem ihre Stiefmutter aufgewachsen ist, und der britischen Insel, auf der Sam selbst den Großteil ihrer Kindheit verbracht hat. Fünf Jahre ist ihr Abschluss inzwischen her und die Flugangst zu ihrem Verdruss wieder auf dem gleichen Level angekommen wie zu Beginn des Studiums. Alles eine Sache der Gewohnheit.
Sam schaut nach rechts. Zu der Frau, die mit hochgezogenen Schultern völlig paralysiert auf die gegelten Haare ihres Vordermannes starrt, die Kopfhörer immer noch auf den Ohren. In exakt diesem Zustand würde Sams Halbschwester Marian sich wohl nach einer rasanten Achterbahnfahrt befinden. Mal davon abgesehen, dass nichts und niemand sie zu solch einer Mutprobe überreden könnte. Ihr sanftes Gemüt verträgt schnelle Bewegungen genauso wenig wie übermäßig laute Worte. Selbst wenn sie innerlich kocht, bleibt sie ruhig – was aber keineswegs bedeutet, dass sie sich nicht durchsetzen kann. Genau so ist es auch bei ihrem gemeinsamen Vater Alan gewesen. Ohne den Rückzug in seinen Hobbykeller und die Herstellung seiner Handwerksarbeiten hätte er nicht leben können. Er brauchte die Abgeschiedenheit und Einsamkeit in der Werkstatt wie andere die Luft zum Atmen. Eine klassische Alltagsflucht war es aber nie. In Ria fand er nach seiner ersten Ehefrau, Sams leiblicher Mutter, endlich eine Seelenverwandte und seine drei Kinder liebte er von Herzen. Auch der Pensionsbetrieb bereitete ihm Freude. Seine ruhige Art wirkte auf die erholungssuchenden Gäste ansteckend und erdete sie vom ersten Urlaubstag an. In der handwerklichen Tätigkeit konnte sich seine kreative Ader voll entfalten und besserte die Haushaltskasse als schönen Nebeneffekt nicht unerheblich auf. Seine Kunstwerke waren beliebt und mit den von ihm individuell angefertigten Schneekugeln machte er sich im Laufe der Jahre sogar überregional einen Namen. Zum Ende hin ist er mit den Auftragsarbeiten kaum mehr nachgekommen.
Sams Aufmerksamkeit richtet sich wieder auf die Dame neben ihr, die weiterhin in unveränderter Stellung verharrt. Soll Sam sie ansprechen? Sie nochmals in ein Gespräch über Sicherheitstechniken verwickeln oder den aktuellen Status lieber genießen, solange er andauert? Sie entscheidet sich für die letztere Variante, auch wenn sie dafür ihr Handy mit der dazugehörigen Musik abtreten muss. Diesen Preis ist die ruhig gestellte Nachbarin allemal wert. Bleibt nur zu hoffen, dass die Landung weniger dramatisch ausfällt als der Start.

Die Wetterverhältnisse in Köln stehen denen in Edinburgh auf den ersten Blick in nichts nach. Der Landeanflug gleicht einem Ritt auf der Rasierklinge und zwischenzeitlich fürchtet Sam ernsthaft um den Zustand ihres Handys, das in den verkrampften Händen der beleibten Frau keine sonderlich gute Figur macht. Doch was sich ihnen nach dem Durchbruch durch die Wolkenschichten präsentiert, macht Sam sprachlos und lässt sie ihre technischen Gerätschaften vergessen. Sie reckt den Hals und beugt sich zum Fenster hinüber, um mehr von der wunderschön weißen Landschaft sehen zu können. Auch hier ist der Himmel tiefgrau, aber die Schneeflocken, die dicht gedrängt an den Scheiben vorbei in Richtung Erde wirbeln, lassen einen Anflug von weihnachtlicher Vorfreude in Sam aufkommen – die Dunkelkammer weicht einem Wintertraum. Nun müssen sie nur noch heil auf dem Rollfeld ankommen, dann steht ein paar entspannten Tagen mit ihrer Großmutter nichts mehr im Weg. Die Weihnachtsmärkte in Deutschland haben es Sam von Anfang an angetan – gerade bei den kleinen alternativen Ständen kann sie sich stundenlang verlieren.
Der Rest der Reise verläuft weitgehend reibungslos. Auch Sams Handy und die dazugehörige Frau haben die Tortur entgegen aller Erwartungen überlebt. Vor dem Flughafengebäude kramt Sam ihre Mütze aus der Tasche und zieht sie über die dunkelblonden Locken. Es ist klirrend kalt. Trotz des Schneetreibens fährt die S-Bahn pünktlich auf dem Gleis ein und entlässt sie kurz darauf an ihrer Zielstation in der Kölner Südstadt. Bis zur Hausnummer 33 ist es nicht weit.

Der Schnee knirscht unter Sams Schuhsohlen. Der Menge nach zu urteilen, müssen die Flocken bereits die ganze Nacht hindurch gefallen sein. Außer ihren eigenen Spuren und denen ihres Reisetrolleys sind etliche weitere auf dem Gehweg erkennbar. Kleine und große, schmale und breite Abdrücke, dazwischen die Tapsen verschiedener Hundepfoten. Sam bleibt stehen, stellt den Kragen ihres Mantels auf und klemmt sich die Handtasche fester unter den Arm. Dass der Tragegurt sich wieder zuverlässig daran befestigen lässt, bezweifelt sie. Aber auf einem der zahlreichen Märkte wird sie sicher einen würdigen Ersatz für das in die Jahre gekommene Stück finden.
Schon von Weitem kann Sam den imposanten Altbau erkennen, in dem ihre Großmutter seit einer halben Ewigkeit wohnt. Würdevoll wölben sich die halbrunden Erker vom Erdgeschoss hoch bis in die zweite Etage und bilden damit die harmonische Schnittstelle zweier Straßenzüge. Wie ein verwunschener Märchenturm läuft die Bedachung über dem oberen Erker spitz zu – es würde Sam nicht wundern, wenn das Fenster sich öffnen und eine Prinzessin ihr goldenes Haar herunterlassen würde. Ohne Frage ist dies das Haus mit der faszinierendsten Architektur in der Südstadt. Obwohl auch viele andere mit wunderbaren stuckverzierten Fassaden aufwarten, sucht das Gebäude mit der Nummer 33 seinesgleichen. Sam legt ihren Kopf in den Nacken und schaut zu den Dächern empor. Hinter dem schmiedeeisernen Gitter des Balkons im zweiten Obergeschoss stehen vier Terrakottatöpfe, aus denen nur vereinzelte grüne Zipfel herausragen, der Rest ist von einer feinen Schneedecke verhüllt. Eine Kette mit roten Perlen sowie kleine blassgelbe Lichter zieren die Brüstung und schlängeln sich um die Pflanzen herum. Was für ein wohltuender Kontrast zu den bunt blinkenden Weihnachtsdekorationen, die sie auf dem Weg hierher in einigen Fenstern entdeckt hat. Ihre Großmutter hat einen treffsicheren Geschmack – so viel steht fest. Immer wieder aufs Neue ist Sam von der prächtigen Kulisse beeindruckt. Es ist lange her, seit sie das letzte Mal hier gewesen ist, viel verändert hat sich seitdem nicht. Vom ersten Moment an hat sie sich diesem Ort verbunden gefühlt. Auch wenn das Großstadtleben im krassen Gegensatz zu Dornochs ländlichem Flair steht, kann sie beiden Lebensmodellen etwas abgewinnen, so unterschiedlich sie auch sein mögen.
Sam tritt ein paar Schritte zurück und betrachtet die Fensterfront des Cafés im Erdgeschoss. Im Rückwärtsgang stößt sie gegen eine Straßenlaterne. Die Birne im Inneren des Gehäuses präsentiert sich ähnlich grau wie das Wetter, obwohl eine zusätzliche Beleuchtung bei der Witterung auch tagsüber angebracht wäre. Kritisch zieht Sam die Nase kraus, während ihr Blick über den Schriftzug auf der Glasscheibe schweift. »Bistro & Café« steht dort in nüchternen Lettern geschrieben. Durch Einfallsreichtum bei der Namensgebung sticht der Betreiber nicht gerade heraus. Auch die Innenausstattung lässt auf keinen allzu kreativen Geist schließen: Die Sitzplätze wirken steril, die Wände erdrückend dunkel und das Ambiente in seiner Gesamtheit wenig einladend. Es als Schandfleck inmitten des historischen Gebäudecharmes zu bezeichnen, wäre vielleicht übertrieben – aber weit entfernt von der Wahrheit ist es nicht.
Sam zieht den Trolley die zwei Stufen zum überdachten Eingang hinauf. Sie wirft einen Blick auf ihre Armbanduhr. Es ist kurz vor halb zwölf und ihr Magen macht sich inzwischen lautstark bemerkbar. Ein Sandwich oder Baguette könnte sie jetzt gut vertragen. Laut der Tafel mit den Öffnungszeiten sollte der Geschäftsbetrieb bereits seit einer halben Stunde laufen, doch die Tür zum Bistro ist verschlossen und es macht nicht den Eindruck, als würde sich dieser Zustand in absehbarer Zeit ändern. Sam seufzt. Es ist ihr unangenehm, ihre Oma direkt bei der Begrüßung mit der Bitte nach etwas Essbarem zu überfallen, aber daran wird sie wohl nicht vorbeikommen. Sie klopft den Schnee von ihrem Mantel und wendet sich der anderen Tür zu, die in den Flur des Wohnhauses führt. Auf der Klingelplatte befinden sich drei Knöpfe, neben denen die entsprechenden Familiennamen der Bewohner vermerkt sind. Wenige Sekunden nachdem sie geschellt hat, schrillt der Öffner und Sam betritt den Korridor, an dessen Ende eine hölzerne Treppe nach oben führt. Ihr Trolley hinterlässt feuchte Spuren auf den eindrucksvollen Ornamenten der Bodenfliesen. Die Verlegung hat den damaligen Handwerker vermutlich an den Rand der Verzweiflung getrieben. Sie geht an den Briefkästen vorbei und zieht aus dem mit der Aufschrift »J. Lindbergh« die aus der Klappe ragende Wochenzeitung hervor. Von ihrem letzten Besuch weiß sie, dass diese Ausgabe immer mittwochs ausgeliefert wird, und heute ist bereits Samstag. Sam runzelt die Stirn. Bedeutet das etwa, dass ihre Großmutter die Wohnung in den letzten drei Tage nicht verlassen hat? Sollte das tatsächlich der Fall sein, muss es schlechter um ihre Gesundheit stehen, als sie Ria gegenüber am Telefon zugegeben hat. Das flaue Gefühl in Sams Körpermitte verstärkt sich, und das ist nicht mehr ausschließlich dem Hunger geschuldet. Josefine ist ein geselliger Typ. Da sie allein lebt, hat sie den zwischenmenschlichen Kontakt bisher außerhalb ihrer vier Wände gesucht. Sei es beim Einkaufen oder beim Spaziergang im Park – irgendeinen ihrer zahlreichen Bekannten hat sie immer für das ein oder andere Schwätzchen gewinnen können.
Sams Herz schlägt schneller als nötig. Ganz sicher ist sie sich nicht, ob es an den vielen Stufen liegt, die sie eben hinter sich gebracht hat, oder an der Ungewissheit, was sie erwartet. Sie biegt um die letzte Ecke. Ihre Großmutter steht auf der Türschwelle und ihr strahlendes Lächeln lässt Sams Bedenken im Nu verpuffen. Schnell stellt sie ihr Gepäck ab, eilt auf die alte Dame zu und schließt sie in ihre Arme. Gott, wie hat sie das vermisst! Den dezenten Lavendelgeruch, die wohlige Wärme, die diese Frau selbst im tiefsten Winter ausstrahlt. Allein für diesen Augenblick hat sich die mühevolle Anreise gelohnt.
»Granny«, haucht Sam dicht an ihrem Ohr. »Wie schön dich zu sehen!«
Ein glucksendes Lachen fährt durch Josefines zierlichen Körper, während sie vorsichtig versucht, sich aus der Umarmung ihrer Enkelin zu lösen. Ohne Frage genießt auch sie die herzliche Begrüßung in vollen Zügen. Zwar ist Sam keine Blutsverwandte, dennoch hat sie nie einen Zweifel daran aufkommen lassen, dass sie genauso vollwertig zur Familie gehört wie alle anderen auch.
»Und wie ich mich erst freue«, sagt sie. »Auch wenn du mir meine alten Knochen gerade ordentlich durchschüttelst.«
Widerwillig gibt Sam sie frei und streicht ihr liebevoll über die Wange. »Entschuldige, ich weiß gerade gar nicht wohin mit meiner Freude. Am besten halte ich einen Sicherheitsabstand ein, bis ich mich wieder beruhigt habe.«
»Ach was!« Josefine winkt ab. »Ich kann mehr vertragen, als du glaubst. Außerdem weißt du doch, wie sehr ich deine Emotionsausbrüche liebe. Immer raus damit! Das zeigt mir, dass ich am Leben bin.«
Sam lacht. »Oh ja, das bist du definitiv.«
»Sicher hast du einen Bärenhunger mitgebracht, Liebes. Wie wäre es mit einem Snack und einer Tasse Kaffee?«
»Unbedingt! Offensichtlich bist du nicht nur hart im Nehmen, sondern kannst auch noch Gedanken lesen.«

Kurz darauf sitzt Sam in der Küche am Esstisch. »Das Laufen macht dir Probleme, oder?«, stellt sie fest. Ihre Oma humpelt unübersehbar, jede Bewegung wirkt wohl überlegt. Kein Wunder, dass sie mit diesem Handicap Schwierigkeiten hat, die Treppen aus der zweiten Etage hinunter- und wieder heraufzukommen. Sam hebt den Kopf. Hat sie ihre Frage nicht gehört, oder wägt sie die Antwort darauf ebenso genau ab wie jeden Schritt, den sie vor den anderen setzt?
»Das macht das Alter«, antwortet sie zögernd. »Wer springt schon mit 81 Jahren wie ein junges Reh über die Wiese?«
Sam räuspert sich. Zwischen einem jungen Reh und ihrem jetzigen Zustand gibt es eine große Bandbreite, die sie bis vor einigen Monaten noch ziemlich gut abdecken konnte. Doch diese Betrachtungsweise behält Sam besser für sich. Tief in ihrem Inneren ahnt sie, dass ihre Großmutter sich dessen voll bewusst ist und die ungeschminkte Wahrheit schmerzhafter als jeder Gehversuch wäre. Sie beugt sich tief über ihre Kaffeetasse und fährt mit dem Löffel wieder und wieder durch die dunkle Flüssigkeit.
Josefine schürzt die Lippen. »Wenn du noch lange darin herumrührst, ist er bald verdunstet«, bemerkt sie. Ihre Stimme ist sanft, der Blick ihrer hellbraunen Augen liebevoll.
»Wann bist du das letzte Mal vor die Tür gekommen?«, fragt Sam, ohne darauf einzugehen. Eigentlich will sie nicht weiter herumstochern. Am liebsten würde sie das Thema ruhen lassen und die Tage mit ihrer Granny sorgenfrei und unvoreingenommen genießen. Aber so leicht ist es nicht. Wegducken ist zwar die einfachste, aber nicht immer die richtige Lösung.
»Gestern«, antwortet Josefine.
Sam tippt mit dem Zeigefinger auf die Zeitung, die sie mit heraufgebracht hat. »Die ist drei Tage alt und steckte in deinem Briefkasten.«
»Ach, diese Zeitungsboten werden immer unzuverlässiger. Manchmal bekomme ich überhaupt nichts und dann kriege ich plötzlich drei identische Ausgaben auf einmal.«
Schweigend sieht Sam ihre Großmutter an.
»Wirklich, Kind«, bekräftigt Josefine. »Rose bringt mir die Post jeden Morgen hoch. Diese Zeitung kann erst heute früh gekommen sein.«
»Wer ist Rose?«
»Rosella Mazzini. Sie wohnt nebenan.«
»Nebenan? In deinem Nähzimmer?« Sam kann kaum glauben, dass sie ihr »Heiligtum« an jemand anderen abgetreten hat.
»Nähzimmer ist gut. Es ist ein eigenständiges Appartement mit separatem Eingang, Kochnische und Bad.«
»Dann hattest du es zusätzlich zu deiner Wohnung angemietet? Das habe ich gar nicht gewusst.«
Josefine räuspert sich. »So kann man es sehen.«
Sam steht auf und geht zu einem der weiß lackierten Sprossenfenster hinüber. Sind die Holzrahmen ursprünglich nicht dunkel gewesen? Sie ist zu sehr damit beschäftigt, all die neuen Eindrücke zu sortieren, als dass sie sich über die ausweichende Formulierung ihrer Großmutter wundern würde. »Wo hast du deine Nähmaschine, die Schneiderpuppe und die Stoffe gelassen?«
»Mach dir nicht so viele Sorgen um mich. Es geht mir gut. Ein Teil der Sachen steht im Schlafzimmer, der Rest ist auf dem Dachboden. Für die Kleinigkeiten, die ich noch nähe, brauche ich keinen ganzen Raum mehr. Ich bin froh, dass Rose eingezogen ist. Nach der Trennung von ihrem Mann brauchte sie dringend eine neue Bleibe – sein italienisches Temperament ist wohl einmal zu oft mit ihm durchgegangen. Kinder hat sie nicht und auch sonst keine nennenswerte Verwandtschaft. Für südländische Verhältnisse wohl ziemlich untypisch. Sie ist eine angenehme Frau, wir verbringen viel Zeit miteinander.« Ein schelmisches Zucken umspielt Josefines Mundwinkel, bevor sie fortfährt. »Außerdem hat sie ein noch ausgeprägteres Helfersyndrom als du.«
Sam grinst. »So, so. Und ist das gut oder schlecht?«
»Es könnte mich schlimmer treffen, würde ich sagen«, antwortet Josefine lachend. »Aber Spaß beiseite: Ich mag Rose wirklich – der Himmel hat sie geschickt.« Sie klopft auf den leeren Sitzplatz neben sich. »Jetzt setz dich wieder hin und iss! Ein paar Pfund mehr auf den Rippen machen dich widerstandsfähiger.«
Sam lässt sich zurück auf den Stuhl fallen und greift zu. Ihre Erkältungen häufen sich in letzter Zeit tatsächlich, aber an mangelnder Ernährung kann es gewiss nicht liegen, wie der offenstehende Jeansknopf unter ihrem Pulli zweifelsfrei bestätigt. Was sie einerseits ärgert, ist andererseits ein untrügliches Indiz dafür, dass es ihr gut geht, denn wenn Sorgen sie plagen, vergeht ihr jeglicher Appetit.
»Wie läuft es in der Bibliothek?«, erkundigt Josefine sich. Zufrieden beobachtet sie, wie ihre Nichte einen Bissen der köstlichen Häppchen nach dem anderen vertilgt.
»Gut«, antwortet Sam kauend. Der Hunger lässt sie ihre Tischmanieren für den Moment vergessen. »Der Job ist okay, aber irgendetwas fehlt mir dort. Seit ein paar Wochen bin ich nebenberuflich selbstständig. Einen eigenen Blog habe ich ja schon länger, schreibe Buchrezensionen, aber jetzt biete ich auch einen Lektoratsservice für Selbstverleger an.«
Mit einem Löffel fischt Josefine ihren Teebeutel aus der Tasse und legt ihn auf dem dazugehörigen Unterteller ab. »Selbstverleger? Was es heutzutage alles gibt …« Sam nickt. Ungeachtet des Alters hat ihre Oma sich seit jeher für die Fortschritte des Internets interessiert und ist mit dem Thema vertrauter als die meisten anderen ihrer Generation.
»Was ist mit deinen Plänen für das Buchcafé?«
Sam reckt ihre Arme in die Luft. Die Stärkung hat gutgetan. »Es ist wohl eher ein Traum als ein Plan«, sagt sie.
Josefine hebt die Augenbrauen. »Warum das? Sind Träume nicht dafür da, gelebt zu werden? Das hat dein Vater immer gesagt und er war ein sehr kluger Mann.«
»Mmh.« Während Sam nach einer zufriedenstellenden Antwort sucht, vertiefen sich die Falten auf der Stirn ihrer Großmutter.
»Wovor hast du Angst?«
»Ich habe keine Angst.«
»Doch, hast du. Das Konzept ist schon so lange in deinem Kopf und es ist gut – mehr als gut. Es wird funktionieren.«
»Ich habe den richtigen Ort noch nicht gefunden.«
»Hast du denn danach gesucht?«
Sam rutscht unruhig auf dem Sitzpolster hin und her. Das Gespräch nimmt eine Wendung, die sie nachdenklich stimmt. Wie sooft hat die alte Dame mitten ins Schwarze getroffen – ihre Bemühungen, ein passendes Objekt zu finden, haben mit einem ernsthaften Versuch bisher tatsächlich wenig zu tun gehabt. Und die Frage nach dem Warum beantwortet Josefine schneller, als ihr lieb ist.
»Du fürchtest, es könnte schief gehen und die schöne Illusion zerstören, die du davon hast«, stellt sie fest. »Aber ohne den Mut, es auszuprobieren, wirst du das Glücksgefühl nie erleben, etwas wirklich Wichtiges in deinem Leben zu erschaffen. Dein Traum wird ein Traum bleiben, nicht mehr und nicht weniger. Irgendwann auf deinem Sterbebett wirst du zurückblicken und dich fragen, wieso du dich mit dem Durchschnitt zufriedengegeben und nicht nach den Sternen gegriffen hast.«
Sams Augen weiten sich. »Auf meinem Sterbebett? Granny, das ist … makaber.«
»Ich weiß.« Unbeeindruckt zuckt Josefine mit den Schultern. »Solange es hilft dich zu überzeugen, ist mir jedes Mittel recht. Wie war der Name, den du für dein Buchcafé ausgesucht hast?«

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