Zweites Leben, zweites Glück – Leseprobe2017-06-22T13:35:36+00:00
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Leseprobe

Zweites Leben, zweites Glück – Jugendbuch

Zweites Leben, zweites Glück – Cover

1

Niemand hat nur ein Leben, davon bin ich fest überzeugt. Es gibt Einschnitte, die alles verändern. Sie können dich plötzlich treffen – wie ein Blitzschlag. Oder sie schleichen sich lautlos an, um sich unbemerkt immer tiefer bei dir einzunisten. Aber egal, wie es passiert: Danach ist nichts mehr so, wie es vorher einmal war. Der Moment, in dem dir klar wird, dass alles, was du bisher kanntest, ab sofort keine Gültigkeit mehr hat, ist ein Tag null: der Beginn eines völlig neuen Lebens. Das kann gut oder schlecht sein. Der erste Tag null beginnt für jeden gleich. Er startet mit der Geburt, und auf die hat man logischerweise wenig Einfluss. Aber am 30. Januar letzten Jahres war ich schon 14 und hätte langsam eine Art Mitspracherecht darüber haben sollen, wie meine Zukunft aussieht. Vielleicht wäre ich an diesem Tag besser mit dem Hintern im Bett geblieben. Keine Ahnung, ob das etwas geändert hätte. Zumindest hätte ich meine Eltern nicht belauschen können und vielleicht wäre dann doch alles anders gekommen. Es war nicht so ein Morgen, an dem du mit dem falschen Bein zuerst aufstehst, und deshalb alles schiefläuft, was schieflaufen kann. Nicht dass mir solche Tage fremd wären – ich kenne sie sogar um einiges besser, als mir lieb ist, das kannst du mir glauben. Aber dieser war schlimmer. Viel schlimmer. Es war nämlich der Tag, an dem alles kaputt gegangen ist, was mir bis dahin wichtig war. Bis heute wünsche ich mir in jeder verdammten Minute, ich könnte ihn einfach aus dem Kalender streichen und so tun, als hätte es ihn nie gegeben. Ja, klar. Natürlich weiß ich selbst, dass das nicht funktioniert. Und wahrscheinlich hätte in meinem Fall sowieso die ganze Stadt – oder sicherheitshalber die komplette Welt – lahmgelegt werden müssen, um mit der Theorie auch nur im Ansatz erfolgreich zu sein. Eigentlich ging das Drama schon viel früher los, nur ist es uns zu dem Zeitpunkt eben um die Ohren geflogen. Meine Mum meint, dass es ohnehin irgendwann so weit gekommen wäre. Wenn nicht heute, dann morgen. Und dass weder ich noch meine Schwester Nike schuld daran sind, sondern nur mein Vater. Einmal Lügner, immer Lügner, hat sie gesagt. Aber ist das wirklich so? Steht nicht jeder immer wieder aufs Neue vor der Wahl, welchen Weg er einschlägt?

Ich liege im Bett und fahre mit dem Finger über den Aufkleber an meiner Wand. Er ist achteckig, rot mit weißem Rand und in der Mitte steht in großen Buchstaben »Lena« geschrieben – das ist mein Name. Der Sticker sieht aus wie ein Stoppschild und gehört damit eigentlich eher an die Außenseite meiner Zimmertür, damit jeder direkt Bescheid weiß, wie’s hier läuft.
Seufzend ziehe ich mir die Decke bis zum Hals hoch, drehe mich auf meine linke Seite und starre auf die hellgrün gestrichene Wandfläche. Grün ist meine Lieblingsfarbe. Ich erinnere mich, dass ich zu meinem sechsten Geburtstag ein neues Fahrrad bekommen habe. Meine Mum war ein paar Wochen vorher mit mir in einem riesengroßen Laden, wo ich mich auf gefühlte dreihundert Räder geschwungen habe, bis die richtige Farbe, Form und Größe gefunden war. All meine Freundinnen fuhren zu der Zeit in Pink, Rosa oder zur Not auch in Lila durch die Siedlung. Keine Frage, meins musste grün sein. Grün ist anders und ich mag anders. Wenn ich daran zurückdenke, sehe ich heute noch Mums erstaunten Gesichtsausdruck vor mir. Sie hat die gleichen graublauen Augen wie ich. Oder besser gesagt: Ich habe die gleichen graublauen Augen wie sie. So herum passt es wohl besser, schließlich war sie zuerst da. Mit leuchtendem Blick hat sie mich angeschaut und gestrahlt wie die Sonne am heißesten Tag des Jahres. Ich vermisse dieses Lachen! So habe ich sie schon ewig nicht mehr gesehen. »Mein kleines Mädchen«, hat sie gesagt und zufrieden genickt. »Du hast einen wirklich guten Geschmack!«
Es ist kurz vor halb sieben. Mein Wecker hat noch nicht geklingelt, also kann ich mir beim Anziehen Zeit lassen. Am liebsten würde ich einfach liegen bleiben und mich nicht von der Stelle bewegen. Nie mehr! Was wartet da draußen schon auf mich? Wir wohnen jetzt seit über einem Jahr in dieser Bude. Das ist weder an mir noch an meiner hellgrünen Wand spurlos vorbeigegangen. Mittlerweile hat sie dreckige Flecke – sieht ein bisschen wie schimmeliger Käse aus. Früher hatte ich öfter das zweifelhafte Vergnügen, verdorbene Lebensmittel im Kühlschrank zu finden. Ich weiß also ziemlich gut, wie so etwas aussieht. Heute ist dagegen nicht mehr viel zum Verderben da. Damals ließen die Türen sich kaum schließen, wenn Mum vom Einkaufen kam – jetzt herrscht gähnende Leere. Wir kaufen halt nur das Nötigste. Selbst nach der ganzen Zeit fühlt sich das alles immer noch unwirklich an. Da gehe ich abends mit einem Leben ins Bett, das keine Ähnlichkeit mehr mit dem vom Morgen hat. Es ist einfach da und ruft: »Hallo, hier bin ich! Sieh zu, wie du mit mir klarkommst!« Es taucht ebenso ungefragt auf wie ein neuer Pickel beim ersten morgendlichen Blick in den Spiegel. Will jemand wissen, ob ich das möchte? Natürlich nicht! Ich bin 15! Habe ich denn gar keine Rechte?
Von den Veränderungen der letzten Monate ist übrigens nicht nur unser Kühlschrank betroffen. Alles in der neuen Wohnung ist mit totaler Leere infiziert. Daran werde ich mich auch in hundert Jahren nicht gewöhnen – genauso wenig wie an den Inhalt meines Kleiderschranks. In dem Fall liegt das Problem allerdings ganz woanders. Es ist nämlich keinesfalls so, dass nicht genug drin wäre. Doch leider gehen mir die Ärmel meiner Shirts nur noch bis zur Mitte des Unterarms und die meisten langen Hosen sind mit viel gutem Willen höchstens noch im Sommer als Dreiviertel-Version zu tragen. Mit dem Nachkaufen ist das so eine Sache, denn dafür braucht man bekanntlich Geld. Geld, das wir nicht mehr haben. Geld, das mein Vater in einem Anflug von Größenwahn verzockt hat. Womit wir wieder bei dem Tag angekommen sind, der mich mein bis dahin schönes und weitgehend sorgenfreies Leben kosten sollte.

Vor genau 484 Tagen, 10 Stunden und 45 Minuten ging ich die Treppe vom ersten Stock unseres Einfamilienhauses hinunter ins Wohnzimmer, die leere Wasserflasche in der einen und mein blaues Mathebuch in der anderen Hand. Es war schon spät und ich hatte die Hausaufgaben immer noch nicht fertig. Den ganzen Nachmittag war ich bei meinem Pflegepferd Polly auf dem Krügerhof gewesen und hatte darüber wieder einmal die Zeit vergessen. Eigentlich war Polly nur ein Teilzeit-Pflegepferd, das ich mir mit Mia und Katja teilte. Für einen Tag in der Woche hatte ich die kleine braune Stute aber ganz für mich allein. Wenn das Wetter mitspielte, machte ich einen Ausritt in den Hapelrather Wald, der ungefähr zweihundert Meter hinter dem Stall beginnt. Jedes Mal, wenn Pollys Hufe den erdigen Boden betraten und die friedliche Stille des Waldes sich um uns legte, lösten sich alle schlechten Gedanken in Luft auf. Im Sommer, wenn die Sonne vom Himmel brannte, war es im Schutz der Bäume angenehm kühl, im Winter machten sie die Kälte erträglicher. Doch auch die schönste Zeit endet irgendwann und spätestens zu Hause holte die Wirklichkeit mich ein: Ein Blick zu meinem Schreibtisch und den darauf liegenden Heften genügte. So war es auch an diesem Tag. Eigentlich ein Mittwoch wie jeder andere – dachte ich bis dahin.
Ich gab mir mit den Matheaufgaben alle Mühe, trotzdem hakte es an einer Stelle und ich wollte Dad um Hilfe bitten. Auf dem Weg nach unten hörte ich, wie meine Eltern sich in der Küche unterhielten. Es war nicht mehr als ein Flüstern durch die geschlossene Tür, doch Mum klang trotz des bemüht leisen Tons aufgebracht. Ich blieb stehen und versuchte, etwas von den Wortfetzen aufzuschnappen, war aber zu weit weg. Vorsichtig setzte ich einen Fuß nach dem anderen auf die Holzstufen, die leider die dumme Angewohnheit hatten, an einigen Stellen fürchterlich zu knarren. Wenn man unbemerkt hinunterkommen wollte, musste man die Füße an ganz bestimmten Punkten aufsetzen. Gut, dass ich den Weg in den letzten Jahren fast zur Perfektion gebracht hatte. Bis heute bin ich mir nicht ganz sicher, warum ich die Tür nicht einfach aufgemacht habe und reingegangen bin. Stattdessen schlich ich wie eine Diebin in unserem eigenen Haus herum. Es muss tatsächlich so etwas wie einen sechsten Sinn geben. Denn in dem Augenblick, als ich auf der Treppe stand, ahnte ich schon, dass irgendetwas nicht stimmte.
Nachdem ich nah genug herangekommen war, hörte ich Mum hinter der Glastür. Ihre Stimmlage brachte meine Nackenhaare in einer Millisekunde dazu, sich kerzengerade aufzustellen. Mein Anblick in diesem Moment kam dem einer Katze, der man aus Versehen auf den Schwanz getreten ist, wohl am nächsten.
»Wie konntest du uns das nur antun, Thomas?«, zischte Mum. »Kannst du mir bitte sagen, wie es jetzt weitergehen soll? Fangen wir wieder bei null an? Auf dem gleichen Stand wie vor 20 Jahren?«
Ich hörte sie tief durchatmen, bevor ihre Lautstärke sich hochschraubte und sie ihn anschrie: »Verdammt, jetzt mach endlich den Mund auf und sag mir, wie schlimm es wirklich ist!«
Dad räusperte sich. »Ich fürchte, wir werden das Haus nicht halten können«, stieß er schließlich hervor.
Dem Geräusch nach zu urteilen, ließ Mum sich daraufhin stöhnend auf einen Küchenstuhl fallen.
»Das kann nicht dein Ernst sein! Hast du bei deiner ganzen Zockerei zwischendurch auch mal an die Kinder gedacht? Hast du dir auch nur für eine Sekunde vorgestellt, was passiert, wenn es nicht so läuft, wie du es geplant hast?«
»Sandra, was hätte ich denn machen sollen?«, antwortete Dad in nicht weniger gereiztem Ton.
»Und was heißt überhaupt Zockerei? Du tust so, als hätte ich das alles nur für mich gemacht, weil ich den Hals nicht vollkriegen kann. Nachdem mein Job weg war, hätten wir den Hauskredit nicht mehr lange bedienen können. So hatten wir wenigstens die kleine Chance, es mit dem Börsengewinn zu behalten.«
»Gewinn! Ich verstehe immer Gewinn! Alles verloren hast du! Und was du hättest tun sollen? Vielleicht mit mir reden. Wie wär’s damit gewesen? Auch, wenn in den letzten Jahren nicht immer alles ganz rund zwischen uns gelaufen ist, habe ich gedacht, dass wir so wichtige Dinge besprechen würden. Und zwar bevor du unser ganzes Geld zum Fenster rausschmeißt. Das betrifft nicht nur dich, Thomas, sondern uns alle! Herrgott, wie soll ich dir jemals wieder vertrauen?«
Daraufhin sagte Dad gar nichts mehr. Mum auch nicht. Die Stille war unerträglich, sie tat mir beinahe körperlich weh. Übelkeit breitete sich in meinem Magen aus und fraß sich Stück für Stück durch mich hindurch. Mein Puls raste und trotz der kühlen Luft schwitzte ich fürchterlich. In meinem Kopf herrschte ein völliges Durcheinander, kein klarer Gedanke drang mehr zu mir durch. Das Mathebuch rutschte mir im Zeitlupentempo aus der Hand und landete mit einem lauten Knall auf dem Fußboden. Fassungslos starrte ich es an, wie es dort hilflos und allein im Flur lag – genau so, wie ich mich in dem Augenblick fühlte. Sollte ich mich beim Lauschen erwischen lassen oder lieber schnell den Rückzug in mein Zimmer antreten? Die Entscheidung wurde mir abgenommen. Die Küchentür flog auf und meine Eltern standen vor mir, offensichtlich schwer erschüttert darüber, dass ich nun über alles Bescheid wusste. Als dann noch weitere unschöne Dinge herauskamen, die unter anderem etwas mit Dad und einer anderen Frau zu tun hatten, war endgültig alles vorbei. Mum flippte total aus, so hatte ich sie wirklich noch nie erlebt. Danach ging alles recht schnell. Wild entschlossen packte sie mich, meine Schwester und ein paar Klamotten ins Auto und fuhr mit quietschenden Reifen los ins Münsterland zu Oma Ruth – die Mum meiner Mum. Ich drehte mich um und schaute durch die Heckscheibe. Unser schönes Haus und die bunten Hortensien im Vorgarten wurden immer kleiner, bis wir schließlich um die Ecke bogen und sie ganz verschwanden. Plötzlich war ich mir sicher, dass ich sie in dieser Blütenpracht niemals wiedersehen würde.
Meine Oma wohnt in einer kleinen Gartenwohnung auf dem platten Land. Eine schöne Wohnung für Oma allein, aber mit vier Personen platzte sie leider schon bei unserer Ankunft aus allen Nähten. Abgesehen davon, dass wir Großmutters gut gemeinten Lebensweisheiten so zusammengepfercht gar nicht mehr entkommen konnten. Sprüche wie: »Es sind die Augenblicke, die zählen, nicht die Dinge!«, »Auch aus Steinen, die einem in den Weg gelegt werden, kann man etwas Schönes bauen!« oder »Ein Weg entsteht, wenn man ihn geht!«. Und was weiß ich noch alles. Mehr davon konnte ich mir beim besten Willen nicht merken. Das war auch nicht weiter schlimm, denn ich habe ja nicht mal genau verstanden, was sie uns damit sagen wollte. Zu allem Überfluss mussten wir dort alle gemeinsam mit Matratzen auf dem Boden schlafen – außer Oma, sie hatte natürlich ihr Bett. So konnte keine Dauerlösung aussehen, wir brauchten schnellstens eine neue Bleibe. Als wir an dem Abend in Omas Hofeinfahrt eingebogen waren, roch es nach Pferdemist. Das erinnerte mich einerseits vertraut an den Krügerhof und meine schöne heile Welt. Andererseits warf der Geruch auch die weniger angenehme Frage auf, inwieweit mein Leben sich nun wohl verändern würde. Kein Geld mehr zu haben hörte sich erst mal nicht wirklich gut an, so viel war klar. Was genau das aber bedeutete, hätte ich mir in meinen schlimmsten Alpträumen nicht schwärzer ausmalen können. Es war, als hätte ich die Tür zu einer riesigen Halle geöffnet, und darin war nichts außer Leere, Staub und Einsamkeit. Ich musste so viel aufgeben, was mir wichtig war, und sogenannte Freunde haben sich plötzlich verhalten, als wäre ich mit einem pinken Raumschiff vom Mars gelandet. Warum, werde ich wohl nie verstehen. Schließlich war ich genau dieselbe Lena wie vorher – nur eben ohne Kohle.

2

Der Wecker klingelt mich aus meinen Gedanken zurück in die Wirklichkeit – in mein Bett und vor die dreckig grüne Wand. Ich kann mich nicht entscheiden, was schlimmer ist. Mir fallen die Farbreste im Keller ein, die von der Renovierung im letzten Jahr übrig sind. Ich erinnere mich gut daran, dass Mum die schlaue Idee hatte, etwas von der Farbe für spätere Ausbesserungen aufzuheben. Damals war ich schwer beeindruckt, dass sie in ihrem Gefühlschaos dafür überhaupt noch einen Blick hatte. Nachher hole ich den Eimer rauf und bearbeite die Schandflecke. Wenn nicht ich, wer dann? Nachdem Mum anfangs sehr taff und beinahe unmenschlich stark war, hat sie mittlerweile den Großteil dieser Kraft verloren. Monatelang bemüht sie sich nun schon um einen ordentlich bezahlten Job. Büroarbeit – das was sie früher eben so gemacht hat, bevor wir Kinder kamen. Aber mit jeder Absage steckt sie den Kopf ein Stückchen tiefer in den Sand und zieht sich weiter zurück. Beim Sozialamt um Unterstützung zu bitten, kommt für sie nicht in Frage. Jede Andeutung in die Richtung macht sie nur noch trauriger. Also bleibt ihr keine andere Wahl, als uns mit Aushilfsjobs über Wasser zu halten. Den ganzen Tag lang ist sie unterwegs und abends natürlich fix und fertig. Dadurch hat sie weder den Kopf noch die Augen und Ohren für meine Probleme. Eigentlich sehen wir uns nur noch an den Wochenenden, wenn ich nicht gerade zu meinem Vater muss. Das zieht mich zwar ordentlich runter und ich fühle mich oft alleingelassen, trotzdem mag ich ihr das nicht sagen. Sie hat genug Probleme und ich komme schon zurecht. Früher haben wir immer zusammen gefrühstückt – damals, in unserem ersten Leben. Jetzt ist sie längst unterwegs, wenn ich aufstehe.
Meine Schwester hat es gut. Nike ist fünf Jahre älter als ich und kaum hatte sie ihr Ausbildungszeugnis zur Schneiderin in der Tasche, ist sie ausgezogen. Jetzt geht sie nach der Arbeit zur Abendschule und macht ihr Abi nach, dann will sie sogar studieren. Das ist schon ziemlich cool. Und ich? Was ist mit mir? Ehrlich gesagt habe ich überhaupt keine Ahnung, wie es nach der Schule weitergehen soll.
Seit zwei Monaten wohnt Nike in einem kleinen Apartment in der Nachbarstadt. Trotz des Altersunterschieds verstehen wir uns ziemlich gut und ich würde sie gern öfter besuchen. Allerdings ist es mit dem Fahrrad ein verdammt weiter Weg: mindestens eine Stunde, wenn es gut läuft. Und Bus und Bahn kosten – na, was wohl – Geld. Bleibt also nur das gute alte Telefon übrig. Es lebe die Flatrate! Niemals hätte ich gedacht, dass ich meine Schwester so sehr vermissen würde, wenn sie erst mal weg ist. Nun sitze ich hier allein in meinem Elend und vielleicht auch in einer klitzekleinen Portion Selbstmitleid. Daran hat Nike natürlich keine Schuld. Nicht dass mich jemand falsch versteht. Ich gönne es ihr wirklich von ganzem Herzen und sie hat es mehr als verdient, glücklich zu werden. Manchmal wünschte ich mir nur, ein kleines bisschen mehr wie sie zu sein.

Widerwillig rolle ich mich aus dem Bett und schlurfe den dunklen Flur entlang ins Bad. Das grelle Neonlicht der Deckenleuchte schießt mir wie ein Blitz in die Augen. Schnell schalte ich es aus und gehe stattdessen erst mal zur Küche. Die ersten Sonnenstrahlen fallen durchs Fenster. Sie zaubern eine leuchtende Fläche auf den Fliesenboden, die mich mein tristes Dasein für einen Moment vergessen lässt. Mit nackten Füßen stelle ich mich mitten ins Licht und schließe die Augen – so wie damals in unserem Haus, wenn die Sonne die vordere Hälfte des Esszimmers flutete. Dann war es mollig warm auf dem Parkett, doch hier bleiben die Fliesen unter meinen Fußsohlen kalt.
Ich gebe es auf. Die Wohlfühlatmosphäre von damals kommt nicht wieder, egal, wie sehr ich sie mir herbeiwünsche. Ich schleppe mich zum Kühlschrank und öffne die Tür. Außer einem Rest Milch, Käse und Marmelade gibt der Inhalt nicht viel her. In der Box auf der Ablage liegen ein paar Brotreste – damit lässt sich doch arbeiten. Kauend sehe ich kurze Zeit später hinaus auf die gegenüberliegende Dachlandschaft. Wir wohnen im sechsten Stock eines Mehrfamilienhauses im Berliner Viertel. Die anderen Häuser um uns herum haben alle nicht mehr als vier Stockwerke und so gucken wir von unserer Wohnung aus über ihre Dächer hinweg. Ein bisschen mehr Mühe hätte man sich beim Bau dieser Siedlung ruhig geben können: Ein Wohnklotz reiht sich an den nächsten wie eine Schlange zu dick geratener Dominosteine. Nur sind sie eben nicht bunt, sondern grau. Betongrau, zementgrau, mausgrau … wie auch immer man es nennen will. Früher habe ich gerne graue Klamotten getragen, die passen nämlich richtig gut zu meinen Augen. Mittlerweile hasse ich sie. Nicht meine Augen, die mag ich immer noch – ich meine die Farbe Grau. Sie ist furchtbar deprimierend. Außerdem werde ich lustlos und traurig, wenn ich sie zu lange anstarre. Also widme ich mich lieber meinem Brot, denn das Rot der Marmelade ist die bessere Wahl. Entschlossen drehe ich dem Fenster den Rücken zu und ziehe mir zur Ablenkung die nächstbeste Zeitschrift aus dem Stapel auf dem Küchentisch. Es ist eins meiner Journale. Wo kommt das denn her? Ich habe mir schon ewig keins mehr kaufen können. Nach einem Blick auf das Datum der Ausgabe wird mir alles klar – es ist acht Monate alt, deshalb kam mir das Titelbild so bekannt vor. Mum muss es aus einem der immer noch nicht ausgepackten Umzugskartons geholt haben. Wenn auch nicht mehr topaktuell, blättere ich trotzdem etwas darin herum und stolpere schon auf den ersten Seiten über Themen wie »Diese 20 Herbsttrends musst du jetzt kennen« oder »Magische Orte – wo Jungs gern flirten«. Seufzend klappe ich die Seiten zusammen und schiebe das Heft so weit wie möglich ans andere Ende des Tisches. Ich kann mich nicht entscheiden, welches der Themen mich gerade mehr runterzieht: Klamotten oder Jungs. Mein Kleiderschrank-Desaster habe ich ja bereits erwähnt. Das mit den Jungs ist auch so eine Sache. Ich hatte mit 14 meinen ersten richtigen Freund. Zumindest glaube ich, dass er mein erster richtiger Freund war, schließlich haben wir uns geküsst – so richtig, meine ich. Er hieß Jacob. So heißt er natürlich immer noch, nur ist er jetzt eben nicht mehr mein Freund. Nach unserem Umzug hatte er immer weniger Zeit für mich, bis wir uns gar nicht mehr gesehen haben. Ich denke, er mochte unsere neue Wohnung nicht. Einmal ist er hier gewesen und danach nie wieder. Seitdem nehme ich niemanden mehr mit nach Hause – sicher ist sicher. Gott sei Dank geht er auf eine andere Schule, da können wir uns zumindest gut aus dem Weg gehen. Richtig schlimm fand ich die Trennung, die offiziell ja nie stattgefunden hat, aber nicht. Es ist und bleibt mir ein Rätsel, was für ein Riesending die Leute aus dem ersten Kuss machen. Für mich war er … nun, wie soll ich sagen … irgendwie nass und glibberig. Also ganz anders, als ich es erwartet habe. Von wegen Schmetterlinge im Bauch, Achterbahn fahren, Kribbeln wie hundert Brausebonbons und was mir nicht alles vorgeschwärmt wurde. Nichts davon habe ich gemerkt und bin damit ziemlich ernüchtert von der »schönsten Sache der Welt«. Wie so eine Beziehung enden kann, habe ich außerdem live und in Farbe bei meinen Eltern mitbekommen. Nein danke! Darauf kann ich gut verzichten, da bleibe ich lieber allein.
Mit einem Ruck springe ich auf, wobei mein Stuhl gefährlich ins Kippen gerät. Ich erwische ihn gerade noch an der Lehne. Irgendwie ist heute der Wurm drin. Nachdem ich mir beim Versuch, mein Pausenbrot zu schmieren, beinahe in den Finger geschnitten habe, bin ich endgültig bedient. Langsam wird mir kalt und ich starte einen zweiten Versuch, ins Badezimmer zu gehen. Das Licht der Neonröhre kam mir vorhin greller vor, wahrscheinlich haben meine Augen sich inzwischen an die Helligkeit gewöhnt. Ich stütze mich mit beiden Händen auf den Waschbeckenrand und sehe in den Spiegel. Mein Gegenüber starrt mich aus großen Augen an. Die glatten haselnussbraunen Haare erinnern heute eher an zerkochte Spagetti als an die füllige Lockenpracht, die ich mir wünschen würde. Wenigstens ist meine Haut reiner geworden und der fürchterliche Pickel an meinem Kinn zieht sich langsam zurück. Ich drehe den Kran auf und schütte mir literweise kühles Wasser ins Gesicht. Oh Mann, das tut gut! Jetzt bin ich wirklich wach. Nun wartet nur noch der morgendliche Gang zum Kleiderschrank des Grauens auf mich. Ratlos stehe ich kurz darauf vor den weit geöffneten Türen, ziehe ein Teil nach dem anderen vom Bügel und halte es mir vor die Brust. Hoffentlich höre ich bald auf zu wachsen und etwas wärmer könnte es auch werden. Bei kurzen Ärmeln fällt das Elend nicht ganz so schlimm auf. Mum mag ich nicht nach Geld für neue Klamotten fragen. Ihr Gesicht spricht Bände, wenn sie ihr Portemonnaie wegen ungeplanter Ausgaben zücken muss. Auf der anderen Seite merke ich ihr an, dass sie ein schrecklich schlechtes Gewissen hat, weil sie mir kaum etwas geben kann. Gut, dass ich Natti habe. Sie ist meine allerbeste Freundin und hat immer zu mir gehalten, egal, was passiert ist. Ohne sie wüsste ich gerade gar nichts mehr mit mir anzufangen, so ganz ohne Hobbys. Bei Polly kann ich mich nicht mehr blicken lassen. Seit wir die Vereinsmitgliedschaft und den Reitunterricht kündigen mussten, habe ich da nichts mehr verloren – das haben mir meine sogenannten »Freundinnen« auf dem Hof unmissverständlich klargemacht. Besser nicht mehr dran denken, sonst fange ich gleich wieder an zu heulen. Mühsam würge ich meine Spucke an dem dicken Kloß im Hals vorbei. Ich will nicht mehr heulen und schon gar nicht wegen dieser Gänse! Eigentlich dürften überhaupt keine Tränen mehr in mir sein, so viel wie ich davon in letzter Zeit verbraucht habe.
»Mensch Lena, reiß dich zusammen und zieh dich endlich an!«, brülle ich mein Spiegelbild an. Wütend reiße ich ein blau-weiß gestreiftes Shirt und eine alte Jeans aus dem Regal. Mit Schwung schmeiße ich die Schranktüren zu, damit der Spiegel im Innenraum verschwindet und mich nicht mehr anschreien kann. Ich springe in die Klamotten, renne den Flur entlang und schnappe mir im Laufschritt meine Jacke und den Schlüssel. Bloß weg hier!
Sekunden später fällt die Haustür hinter mir ins Schloss und ich stapfe ärgerlich über mich selbst die Treppen hinunter. Draußen wartet Natti auf mich. Endlich ein Lichtblick in der grauen Landschaft. Sie sitzt auf der Bank vor dem Haus und grinst mir entgegen. Als ich näherkomme, fällt ihr das Lachen allerdings schlagartig aus dem Gesicht.
»Ist alles okay bei dir, Lena?«, fragt sie und kräuselt besorgt die Stirn. »Du siehst aus, als kämst du aus einem Horrorfilm.«
Ich kenne Natti seit einer Ewigkeit. Wir haben schon im Sandkasten zusammengehalten, wenn die Jungs uns die Schaufeln auf den Kopf hauen wollten. Ich hätte mein letztes Hemd für sie gegeben – und sie für mich. Daran hat sich bis heute nichts geändert.
»Seit unserem Umzug sehe ich Horrorfilme als 24-Stunden-Endlosschleife«, antworte ich und lasse mich auf den Platz neben sie fallen. »Lass uns von was anderem reden, ja? Erzähl mir lieber wie’s gestern gelaufen ist. Hast du dich mit Timo getroffen?«
Natti strahlt mich genauso grell an wie unsere Badezimmerlampe heute früh. Oha, wenn das mal keine Volltreffer-Frage war.

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